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POLITIK-LABOR – Ein Thema, drei Schwerpunkte: Aufmacher, Interviews, Europa-Artikel, Glosse und Lokaltexte aus Köln, Wuppertal und dem Ruhrgebiet

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Belesene Gesellschaft/Literatur für alle
Intro (Link zur Langfassung)

Bildung ist das Wichtigste! So lassen sich unzählige politische Reden zusammenfassen. Eine vergiftete Wahrheit? Schließlich scheint im Föderalismus ohnehin niemand so recht verantwortlich für „Deutschlands Bildung“ zu sein, selbst die beste Reform bräuchte sehr viel Zeit, um etwas zum Besseren zu wenden und auch der beste Unterricht änderte noch nichts daran, dass hierzulande Einkommen und Vermögen von Eltern maßgeblich über die schulischen Erfolge ihrer Kinder entscheiden – gar nicht davon zu reden, dass das vorausgesetzte Leistungs- und Konkurrenzideal grundsätzlich fragwürdig ist. Indes kommen Studien (Iglu, Pisa ...) zum Schluss, dass es schlecht um die Schulbildung steht, nicht zuletzt um Schreib- und Lesefähigkeiten, und dass es schlimmer wird. Die politische Debatte beharrt auf Schuldzuweisungen (Vorgängerregierungen, Koalitionspartner, Föderalismus …) und Ablenkungen (Finanzierung, Migration …). Was bedeutet es, wenn die Schreib- und Lesefähigkeiten ganzer Jahrgänge fraglich sind? Wie steht es überhaupt um literarische Interessen im „Land der Dichter und Denker“? Sollte man einem klassisch-humanistischen Bildungskanon nachtrauern oder gehört er als Dominanzinstrument endlich der Vergangenheit an? Zudem, große geistige Leistungen „einer Nation“ taugen nicht zuletzt zur Arroganz gegenüber anderen. Ist ohnehin alles gleichwertig, von Goethe bis Caroline Wahl – Hauptsache, die Menschen lesen überhaupt? Welche Kritiker haben mehr Einfluss – „Quartette“ oder Booktoker? Ist es ein Problem, sprachliche und erzählerische Güte oder Intertextualität nicht wertschätzen zu können? Sollten Lebens-Lektionen dem „großen Roman seiner Zeit“ entstammen oder genügen dafür Graphic Novels? Ist die Idee eines Literaturkanons in einer globalisierten und pluralistischen Gesellschaft noch tragfähig – falls sie es je war? Ist es so oder so nur noch erschütternd, wenn im gar nicht mal so jugendlichen Podcast-Quiz durchweg ein enzyklopädisches Wissen zu „Herr der Ringe“ demonstriert wird, während niemand im Raum zu sagen weiß, was Konsonanten und Vokale sind? Der Buchhandel klagt über Einbußen, zumindest im stationären Handel und über zahlreiche Genres hinweg; durchaus paradox anmutend: So wird neben der allgemeinen wirtschaftlichen Lage auch die schwindende Lesekompetenz in der jüngeren Generation als Ursache angeführt, zugleich aber gehören Young und New Adult zu den wenigen Genres, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen – Genres, die doch vor allem bei der jüngeren Generation Anklang finden dürften. Weitere Faktoren verändern den traditionellen Buchmarkt, darunter E-Books (die zuweilen auch als ökologische Chance gedeutet werden, während die tatsächlichen Ökobilanzen von gedruckten oder digitalen Medien fraglich scheinen) oder Selfpublishing, womit das herkömmliche Verlagswesen Konkurrenz bekommen hat, die zumindest langfristig an Einfluss gewinnen dürfte und für einige Autoren bereits ein verlässliches Standbein ist. Wie steht es um Lesekompetenz und -interessen, literarische Deutungshoheit, das Statussymbol Buch, Fremd- und Selbstwahrnehmung mittels Literatur, Marktmacht und Zugangsbarrieren?

Belesene Gesellschaft/Literatur für alle
Teil 1: Geschäft & Konkurrenz

Der Verleger als „moralische Jahrhundertgestalt“, dem „große Geister“ vertrauen – das war einmal. Verlage sind Unternehmen, das Business hart, Papier teuer, die Digitalisierung rasend, Zielgruppen erforscht, ‚Bestseller‘ wöchentlich ausgerufen, Bibliotheken multimedial, Buchhandlungen bunt wie Bonbon-Regale. Vom Schreiben zu leben bleibt für die meisten ein Kampf, wenn nicht ein Traum. Sachbücher lösen die Probleme des Alltags und der Politik, (Auto-)Biographien zeigen den Menschen, Romane suchen das Allgemeine im Einzelnen, einzelne Thriller- oder Fantasy-Reihen füllen bereits ganze Wände. DieDigitalisierung hat auch Selfpublishing befördert, der Gang durch die klassische Institution (Vermittler/Verlag, Lektorat, Betreuung …) ist nicht mehr zwingend. Qualitätsunterschiede müssen damit nicht einhergehen, zumal auch in der Verlagswelt Geld, Personal und Zeit knapp sind und die Qualitätssicherung entsprechend oft wacklig. Was heißt es heute, Literatur zu schreiben, zu verlegen, von ihr zu leben?

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Teil 2: Kanon & Kritik

Was zu lesen ist, verrieten einst Experten im TV, oft laut, betont unausgewogen, nicht selten chauvinistisch. Auch heute wird im ÖRR kritisiert, flapsig, vulgär, charmant, kenntnisreich, in wechselnden Besetzungen und Tonlagen. Soziale Medien haben auch die Literaturkritik verändert. Als emotional gilt der Ton auf Booktok, wo die Frage was das Buch „mit mir macht“ mehr interessieren mag, als die Frage, was es „überhaupt macht“. Auch im klassischen Feuilleton muss man nicht lange nach einem personalen Fokus suchen: Statt des Werks steht gerne der Mensch im Fokus, der es verfasst hat. Hier wie dort: Es menschelt. Weil echte Identitäten, Schicksale oder Kränkungen maßgeblich fürs Verstehen eines Buchs sind – oder weil dann wirklich alle mitreden (zu) können (meinen)? Selbstverständlich geht es auch um die Sache, um Bücher. Auch um Jurys, Wettbewerbe und Preise, deren Bedeutung einer breiten Leserschaft schleierhaft sein dürften. Wie relevant ist Literaturkritik, wird sie Buch, Publikum und Autoren gerecht?

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Teil 3: Zuhause & Schule

Vom Vorlesen zur Guten Nacht über den Büchereiausweis bis zum heimischen Buchregal gibt es unzählige Wege, den eigenen Kindern Literatur nahezubringen, damit eine der Kulturtechniken überhaupt – und womöglich eine lebenslange Lust am Lesen zu festigen. Nicht alle Kinder haben diese Möglichkeiten, umso relevanter sind Kita und Schule. Lehrermangel, Stundenausfälle, Klassengrößen, Gebäudemängel etc. stehen allerdings dagegen, namhafte Studien schlagen Alarm – nicht erst seit gestern. Im Einwanderungsland Deutschland gibt es naheliegend weitere Herausforderungen, um sich einer vielzitierten Chancengleichheit anzunähern, die verlässlich Lese- und Schreibkompetenzen vermittelt. Im Zweifel scheinen sich Bundesländer aber eher an einer Bildungskonkurrenz aufzuhalten statt schlicht sicherzustellen, dass selbstverständliche Bildungsziele selbstverständlich erreicht werden – im ganzen Land.

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Teil 4: Lesen als Bürgerrecht – Europa-Vorbild Spanien

Spanien hat 2026 seinen neuen Leseplan vorgestellt: „¡Leer es un derecho!“, Lesen ist ein Recht. Der „Plan de Fomento de la Lectura 2026–2030“ umfasst einhundert Maßnahmen in fünf Feldern: Zugang, Bibliodiversität, Lesen und Gesundheit, Kindheit und Jugend sowie Internationalisierung. Das Budget beträgt 82,7 Millionen Euro. Doppelt so viel wie im Vorgängerprogramm 2021–2024. Kulturminister Ernest Urtasun betonte bei der Präsentation, Lesen sei nicht länger nur eine Gewohnheit, sondern ein „essenzielles Bürgerrecht“ für eine „stärkere Demokratie“. Der Plan ist damit mehr als eine Sammlung von Förderprogrammen. Er positioniert Lesekompetenz als öffentliche Infrastruktur, vergleichbar mit Gesundheitsversorgung oder digitaler Teilhabe.

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Teil 5: Bestseller im Liveticker – Glosse

Die Ergebnisse der Pisa-Studie zeigen: So kann es nicht weiter gehen. Die Schreib- und Lesekompetenz hat abgenommen! Die Jugend, dieser Begriff wie geschaffen als Projektionsfläche für Untergangsphantasien all jener, die ihr neidig nicht mehr angehören, sie liest nicht mehr. Der klassisch-humanistische Bildungskanon, er scheint zu verblassen. Was für eine Kränkung für ein Land der Dichter und Denker. Zum Ausgleich wird es zum Land der (moralischen) Richter und Henker. Gendern wäre hier nahezu postfaktisch.

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