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Sidonie-Gabrielle Claudine Colette
Foto (Ausschnitt): Henri Manuel

Die Grande Dame der Erotik

30. September 2026

„Das Reine und das Unreine“ von Colette – Textwelten 10/26

In Frankreich kennt man die 1873 in Burgund geborene Sidonie-Gabrielle Claudine Colette nur unter der vertraut klingenden Kurzform Colette. Dort ist sie eine literarische Ikone, deren Romane „Claudine erwacht“ oder „Chéri“ auf eine Weise weibliches Selbstbewusstsein in die Moderne einbrachten, die auch den männlichen Kollegen uneingeschränkten Respekt abnötigte. Im damaligen Deutschland undenkbar, folgte Colette auch im Leben ohne jede Geheimniskrämerei ihrem sowohl auf Männer wie Frauen gerichteten Begehren. Sie hatte zweifellos etwas zu erzählen, als sie 1931 im Zenit ihres Ruhms meinte, es sei Zeit „dem Wissensschatz über die Sinne (ihr) Scherflein hinzuzufügen“.

So entstand der Band „Das Reine und das Unreine“. Die Texte der damals 59-jährigen Colette bezeugen die satte Erfahrung einer Autorin, die im Leben wie in der Kunst ihre Reife erlangt und dennoch ihre Experimentierfreude behalten hatte. Im Grunde stellt sich dieses Buch als eine Sammlung von Porträts, Recherchen und biographischen Erlebnissen dar, die von einer essayistisch inspirierten Erzählstimme kommentiert werden. Der Reigen beginnt gleich mit dem Blick auf eine Orgie. Es folgen Porträts von Frauen, die souverän ihren Gelüsten folgen und einem vergrämten Don Juan. Das historisch verbürgte Liebesglück zweier Frauen in Wales beschreibt Colette mit unverhohlener Faszination. Ihren Gedanken zur gleichgeschlechtlichen Liebe von Männern widmet sie ein Kapitel und ein zweites explizit den Freuden, die Frauen miteinander erleben. Queerness ist nichts, was sie einforderte, sie lebte und reflektierte sie mit einer Gelassenheit, die auch heute noch imponiert.

Man muss sich zunächst in Colettes blumige Prosa einlesen. Aber bald bekommt man ein Gespür für ihre herrlich opulenten und doch sehr präzisen Sprachbilder. Dass der Verlag den Namen von Karin Uttendörfer genau in der Mitte des Buchcovers positioniert hat, zeigt die Wertschätzung für die Übersetzerin. Es ist wirklich ein Wunder, wie es ihr gelungen ist, die üppige Sinnlichkeit des Französischen in ein Deutsch von delikater Musikalität zu übertragen.

Colette: Das Reine und das Unreine | A. d. Franz. v. Karin Uttendörfer | Friedenauer Presse | 224 S. | 24 €

Thomas Linden

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