Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11

12.678 Beiträge zu
3.888 Filmen im Forum

Ironisch: Jacques Palminger & 440 Hz Trio im Gebäude 9
Foto: Rebecca Ramlow

Jazz à la Jacques

21. Oktober 2016

Wahnsinniges Pseudo-Jazz-Spektakel: Jacques Palminger & 440 Hz Trio – Konzert 10/16

Jacques Palminger betritt mit Bierglas und Schnurrbart bewaffnet die Bühne, dann haucht er „Köln ist die Leber des Rheins“ ins Mikro, und das Publikum im Gebäude 9 lacht. Der multitalentierte Sänger, erotische Schnurrbart-Träger, Regisseur, Schauspieler und Studio-Braun-Humorist aus Hamburg interpretierte mit seinem Quintett 440 Hz Trio Jazz – natürlich wie üblich auf ganz eigene Art. Denn endlich ist sein neues Album erschienen. Dessen Tittel klingt ein wenig wie ein irres Kinderhörspiel: „Spanky und seine Freunde“. Genauso durchgeknallt-märchenhaft wird dieses auch präsentiert.

Schon geht es auch los mit dem wahnsinnigen Wortgewitter à la Jacques: So berichtet der einstige Schauspieler aus der Fake-Band-Doku „Fraktus“ von einem sich von einem Fernsehturm stürzenden Mädchen, das sich jetzt für immer in einem Film befände, dies aber tragischerweise selber nicht wisse, über grauenvolle Abenteuerspielplätze bis hin zu pinselnden Pinguinen. Und stellt schließlich die Band vor: Olve Strelow am Schlagzeug, der ein bisschen aussehe wie Gerard Depardieu (dessen Namen er leider nicht aussprechen kann) und dessen Familie, die Strelow-Dynastie, ihr Geld seit jeher mit Hüpfburgen und den sich darin befindenden Krümeln verdiene, aus denen sie dann später teure Marzipankugeln herstellten; den attraktiven Bassisten John Raphael Burgess, der so schöne Hände habe, dass er gelegentlich den Bürgermeister von Hamburg handdouble, denn dieser habe nicht so schöne; den Pianisten und ehemaligen Die-Sterne-Organisten Richard von der Schulenburg, der keine Fanclubs außer angeblich neuerdings einen einzigen russischen besitze; den Vibraphonisten Jan Heinemann und last but not least Sängerin und Musikerin Lydia Schmidt, die bald die circa 200. Shisha-Bar in Berlin aufmachen wolle – und die der Sonnenschein der Band sei.


Palminger goes Jazz: 440 Hz Trio, Foto: Kerstin Behrendt

Seine Geschichten, die bisweilen ein wenig an Helge Schneider auf hanseatisch erinnern, sind mal wieder so verrückt, dass das Publikum viel lachen muss. Tatsächlich ist es der Kontrast zwischen der ernst und etwas naiv wirkenden Lydia, die bisweilen sogar zur Blockflöte greift, der märchenhaft-träumerischen Präsentation der deutschen, teilweise an Schlager erinnerenden Lieder, die dann jedoch mit so einem verrückten und schwarzhumorigen Inhalt gefüllt sind, dass man ob der Ernsthaftigkeit der Darstellung lachen muss. Palminger, der zwischendurch gelegentlich kleine provozierende Wortwitze wie „Lügenjazz!“ in den ausverkauften Saal hineinruft, und sein 440 Hz Trio haben sich an die ohnehin schon musikalisch etwas durchgeknallte Gattung Jazz gewagt, und es ist ihnen gelungen, sie noch etwas mehr in den Wahnsinn zu ziehen. Mit Liedern wie „Spanky“, „Der Sprung“, „Ganz normales Leben“ oder auch „Der Pinguin, das Handy und der Jazz“ brechen sie Strukturen des Jazz auf, mischen Retro-Jazz im Stil der 60er mit Chansons und Texten irgendwo zwischen Schwermütigkeit und wahnsinnigem Humor. Musikalisch jedoch auf sehr hohem Niveau.

Weitere Kostproben aus dem Pseudo-Jazz-Wahnsinns-Projekt gibt es z.B. am 15. November in Berlin, am 16. in Hamburg und am 18. im Druckluft Oberhausen.

Rebecca Ramlow

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Verity – Dunkle Geheimnisse

Lesen Sie dazu auch:

Grenzenlose Klangkultur
Das Festival Multiphonics in Köln – Improvisierte Musik in NRW 10/26

Sie ist ein anatolischer Drache
Hazal Esen im Funkhaus Wallrafplatz

Es brodelt
Lera Lynn im JAKI

Jerry Leger u.a. im Rockpalast
Das WDR Rockpalast-Festival in Bonn

Kein Pop von der Stange
Stina Holmquist in der Wohngemeinschaft

Fragile Größe
Cat Power in der Live Music Hall

Aus Alt mach Neu
„Tia Matoyi“ im Studio des Ensemble Musikfabrik

Dieser Train war nie zu stoppen
Die Jazzikone John Coltrane wurde vor 100 Jahren geboren – Improvisierte Musik in NRW 09/26

Einladung zum Zuhören
Zum 4. Mal Shalom Musik Festival in Köln – Festival 09/26

Wenn es kein Morgen gibt
Derya Yıldırım & Grup Şimşek im Düsseldorfer zakk – Musik 07/26

Urbaner Sound
Kuu! in der Wuppertaler Insel – Improvisierte Musik in NRW 06/26

Warmes Wummern
Larry Goldings Trio in Dortmund und Düsseldorf – Improvisierte Musik in NRW 04/26

Die Gitarre für jede Tonart
Hanno Busch in Gelsenkirchen, Köln und Viersen – Improvisierte Musik in NRW 03/26

So klingt Fühlen
5. stARTfestival in Leverkusen – Festival 03/26

Mit Flöte und Balafon
Jakob Manz European Jazz Night in Köln – Improvisierte Musik in NRW 02/26

Musik.