Wie unterschiedlich Gegenwartslyrik klingen kann, zeigt kürzlich das Anderland-Festival im Interim der Zentralbibliothek. Veranstaltet wird es von der Buchhandlung Bittner, dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität. Ein gemischtes Publikum, darunter viele Studierende, trifft auf drei weibliche Stimmen. Moderator Christoph Danne führt locker und nahbar durch den Abend. Mit kurzen Fragen vor den Lesungen sorgt er für Heiterkeit und schafft eine persönliche Nähe zu den Autorinnen.
Den Auftakt macht Anja Kampmann mit einer beinahe gehauchten Lesung. In ihren Gedichten offenbaren Orte und Erinnerungen eine teils gewaltvolle Vergangenheit, alltägliche Szenen kippen ins Unruhige. Auch mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine befasst sich Kampmann, etwa in „Deep Blue“: Darin verliert der Schachmeister Garri Kasparow gegen einen Computer.
Einen deutlichen Kontrast bildet Mara Genschels Vortrag, der sich zu einer Performance entwickelt. Ihr Gedichtzyklus über das Tagewerk einer Lyrikerin entsteht im Moment selbst. Das Publikum lacht häufig über die überraschenden Wendungen und Genschels selbstironische Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben. Genschel bewegt sich etwa durch den Raum und tippt in ihren Computer.
Zum Abschluss liest Nasima Sophia Razizadeh aus ihrem aktuellen Band „Entschwebung“. Ihr Vortrag ist zurückgenommen und kontrolliert, mit harten Konsonanten und gerollten Lauten. Razizadeh löst sich vom Konkreten und richtet den Blick nach Innen. Mit Zeilen wie „weißes Blei auf schwarzen Zungen“ erschafft sie eine verschlüsselte Bildwelt.
Der Markt für Lyrik ist klein, die Kunstform bleibt für viele schwer zugänglich. An diesem Abend stehen sehr unterschiedliche poetische Ansätze nebeneinander – Zartheit, Witz und Verdichtung. So zeigt das Anderland-Festival in diesem Jahr, wie offen das Feld der Lyrik ist.
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