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Torre Florim (De Staat) läuft durch das Publikum, Foto: Petra Vesper

Todernst – aber nicht den Spaß vergessen!

03. November 2026

De Staat rumpelt durchs Gebäude 9 – Musik 11/26

Männer in grauen Anzügen erklimmen im Gleichschritt eine Stahltreppe, ein Schlagzeug hämmert einen unerbittlichen Rhythmus, durch den sich die Worte „up, and up, and up, and up…“ ins Hirn fräsen. Am oberen Ende der Treppe angekommen, wird jeder Mann vom jeweils Nachfolgenden über den Rand gestoßen. Das Video zum Song „The King“, mit dem die niederländische Band „De Staat“ im Sommer ihr neuestes Album und die Show „De Staat becomes De Staat“ ankündigte, zeigte mit einfachen, aber umso eingängigeren Mitteln, in welche Richtung es gehen sollte: Das selbstbetitelte Album kann als Konzeptalbum gelesen bzw. gehört werden, in dem es um Macht, (politische) Verführung und Demagogie geht. Ein Spiegelbild der aktuellen politischen Weltlage. Beim Festival „Down the Rabbit Hole“ nahe Nijmegen und auch bei zwei exklusiven Shows im Amsterdamer Royal Theater Carré haben De Staat tatsächlich die Gerüsttreppe des Videos auf die Bühne gebracht und mit etlichen grau gekleideten Statisten eine Mischung aus Konzert, Performance und Theater geliefert. Videos dieser Auftritte im Netz lassen ahnen, wie beeindruckend diese Show gewesen sein muss. Die Intensität der Pink Floydschen „The Wall“-Ära klingt mit weitaus einfacheren, aber nicht weniger spektakulären Mitteln an.

Gute Laune

Dass eine solche Inszenierung im Kölner Gebäude 9 schon alleine aufgrund der Deckenhöhe kaum möglich sein würde, war von vornherein klar – aber wie würde die Band ihr Konzept auf Club-Gigs runter brechen? Bevor es Antworten auf diese Frage gibt, präsentiert sich zunächst das Amsterdamer Quartett „HIQPY“ dem schon gut gefüllten Saal. Im Nachbarland werden HIQPY als das nächste große Ding gehandelt – im Gebäude 9 wird ihre Mischung aus Indie und Progressive Rock mit Grunge-Einsprengseln wohlwollend aufgenommen. Frontfrau Abir Hamam hat anfangs Mikrofonprobleme. Doch auch nachdem diese behoben sind, bleibt ihre Stimme eher dünn unter der brachialen Soundkulisse ihrer Bandkollegen. Vor allem der sichtlich gut gelaunte Schlagzeuger, der nicht im Hintergrund thront, sondern aus Platzgrüngen an den rechten Bühnenrand verbannt wurde, drischt mit Elan auf die Felle – die Lautstärke hätte vermutlich auch für das Palladium ausgereicht. Anspruchsvolle Songstrukturen mit immer wieder eingängigen Passagen stimmen das Publikum gut ein auf den Hauptact.

Marionettenspieler

Als dann schließlich De Staat die Bühne betreten und die ersten Takte von „Who’s Gonna Be the GOAT“ erklingen, sucht man Frontmann und Mastermind Torre Florim zunächst vergebens. Schließlich drehen sich viele Köpfe, denn Florim bahnt sich seinen Weg zur Bühne von hinten durch das Publikum – um schließlich in der Mitte des Saales auf einer kleinen Bühne, die so groß ist wie eine Bierkiste, den Song anzustimmen. Von den ersten Silben an hängt das Publikum an Florims Lippen. Im cremefarbenen Anzug und mit intensivem Blick bildet er das Zentrum des Geschehens. Mit großen Gesten hält dieser Marionettenspieler alle Fäden in der Hand, der rhythmische Rapgesang ist keine höfliche Einladung, sondern ein klarer Befehl, mit einzustimmen. Bei „Input Source Select“ bleibt Florim noch mitten im Pulk, um dann schließlich doch auf die Bühne zu gehen.

Hexendoktor

Im Gegensatz zur 2022er Tour, wo die Band untereinander stark in Interaktion stand und auch komödiantisch anmutende Aktionen wie ein Dance-Battle zwischen Torre Florim und Rocco Bell einbaute, treten die Musiker diesmal stärker in den Hintergrund. Rocco Bell, sonst an Keyboard und Gesang, ist diesmal nicht mit von der Partie. Wenige Wochen vor der Tour gab die Band auf Social Media bekannt, dass er auf der Tour von Wannes Salomé vertreten würde – ein Post, der bei Fans für viele Fragezeichen sorgte, da keine weitere Erklärung folgte. Jedenfalls wird die Show trotz der Virtuosität und Prägnanz der Mitmusiker so noch mehr zu einer reinen Torre Florim-Show. Ohne Ansagen, mit ernstem Gesicht und meist wild-grimmigem Blick leitet er wie ein irrer Conferencier durch einen Abend, dessen Setlist eine Handvoll älterer Songs bietet und dann mit „The Fire“ zum aktuellen Album überleitet und mit dem Refrain „I wouldn’t worry ‘bout the fire / it’s only burning overseas“ den ironischen Soundtrack (nicht nur) zum diesjährigen Waldbrandsommer liefert. Musikalisch wildern De Staat in allen Genres: harte Gitarrenriffs werden mit elektronischen Beats gepaart, es gibt Partysounds mit Kirmes-Charakter und hymnische Phasen. Und das Publikum feiert frenetisch jeden Song. Wohin man blickt, sieht man glückliche, lachende Gesichter – ganz im Kontrast zur Message des neuen Albums. Beim ekstatischen „Witch Doctor“ verwandelt sich der Saal in einen gutgelaunten Hexenkessel, in einer Mischung aus Circle Pit und Ringelrein sind T-Shirts von den Guns & Roses ebenso auszumachen wie von den Nine Inch Nails – aber auch Leute, die aussehen, als ob sie sich beim Spaziergang in die Halle verirrt hätten. De Staat sind ein Phänomen mit generationen- und genreübergreifendem Publikum.

Spaß!

Nach „Witch Doctor“ gibt es einen kurzen Moment des Verschnaufens, in dem Torre Florim auf einem sehr dezenten Klangteppich „Autumn Leaves“ anstimmt, ein Chansons aus den 1940er Jahren, das in der Version von Nat King Cole zum Jazz-Standard wurde. Direkt darauf hämmern zum Stroboskoplicht unerbittlich die Drums des eingangs erwähnten „The King“. Der repetitive Song entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Live schneller gespielt als auf Platte ist das ein wuchtiges Brett, auf das mit „Freedom“ der versöhnliche Ausklang des eigentlichen, rund einstündigen Sets erklingt.

Das Publikum verlangt nach mehr und die Band lässt sich nicht lange bitten. Bei „Paying Attention“, „Psycho Disco“ und „Head on the Block“ lässt Florim seine Maske fallen, kündigt mit breitem Grinsen an, dass nun „the last chance to dance“ anbrechen würde. Man solle tanzen und sich nicht darum kümmern, wie man dabei aussieht – und Florim geht wie immer mit gutem Beispiel voran. Im Gebäude 9 herrscht ausgelassene Stimmung, wie sie auch im Karneval nicht wilder sein kann. Mit einem "Don’t forget to have fun!“ verabschiedet sich die Band zu frenetischem Applaus. Bei allem Ernst der Weltlage den Spaß nicht zu vergessen, ist eine wundervolle Botschaft, mit der man sich auf den Heimweg macht. Im nächsten Frühjahr (11. März) kann man die Band im Düsseldorfer Zakk erleben.

Frank Schorneck

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