Der Poesie des Mordens verschrieben sich über die Jahrtausende manche Literat:innen, doch in den seltensten Fällen zog es sie zu blutigen Gewalttaten abseits des Papiers. Johann „Jack“ Unterweger wurde zuerst Mörder in Freiheit und ließ sich später als Knastautor feiern. Nach der Verbüßung einer langjährigen Gefängnisstrafe für das Kapitalverbrechen an einem 18-jährigen Mädchen im Dezember 1974 wurde der Österreicher 1990 ohne weitere Auflagen zur Bewährung zunächst entlassen, geriet jedoch bald wieder in den Fokus der Ermittler:innen. In einem weiteren Prozess wurden dem Angeklagten neun Morde an Prostituierten zur Last gelegt. Unterweger bestritt die Taten, erhielt aufgrund von Indizien jedoch erneut Lebenslänglich – dieses Mal ohne Chance auf Bewährung. Kurz nach dem Urteil erhängte sich der Verurteilte in seiner Zelle.
Zur Zeit seiner ersten Gefangenschaft erregte der Inhaftierte mit seinem Gedichtband „Tobendes Ich“ und dem autobiografischen Roman „Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus“ die Aufmerksamkeit der Kunstszene. Ob jene Werke einzig Unterwegers Handschrift tragen, wird allerdings bezweifelt. Dennoch, auch die Herausgabe der Literaturzeitschrift „Wort-Brücke“ mit Beiträgen prominenter Schriftsteller:innen fruchtete seinerzeit. Persönlichkeiten wie Günther Grass, Ernst Jandl und Elfriede Jelinek schlossen sich bald einer Petition zur vorzeitigen Entlassung Jacks an. Der Fall Unterweger wurde in der Öffentlichkeit schließlich als geglücktes Beispiel für eine Resozialisierung angesehen und öffnete dem gebürtigen Steiermarker erneut die Gefängnispforten. Der Rest ist traurige und brutale Geschichte, die nun auf der Bühne des Schauspiel Köln eine Fortsetzung bzw. Reflexion findet.
In der Hauptrolle: Die Schauspielerin Birgit Unterweger, nicht mit dem Toten verwandt. Das Thema: Ein Leichnam schafft Fakten. Dies gilt sowohl in den Darstellenden oder Bildenden Künsten als auch in deren Zwischenräumen. „Unterweger“ am neuen Depot 3 streckt den leblosen Körper eingehüllt in feinen Zwirn aber zu einem „Leichmann“. Mit ihm flaniert die Protagonistin mal als verliebte Nonne, mal als erschütterte Familienangehörige monologisierend durch ein Leben, das sich grausam als Heilsbringer inszeniert – und damit sämtliche Hürden nimmt. Neben den Publikationen wurde der mutmaßliche Killer den Überlieferungen nach auch selbst von zahlreichen Frauen angehimmelt.
Brutalität und Selbstverliebtheit markieren in „Unterweger“ eine Biografie, die mit dem schwarzen Auswurf von Herzfasern geschrieben wurde. Regisseur Branko Janack lässt seine Darstellerin im Zuge der 70-minütigen Inszenierung regelmäßig ins Publikum ausbrechen, um vehement zu flirten oder die Scheinheiligkeit der Gesellschaft mit Hostien zu speisen. Hier geht es nicht um einen Serienmörder – über Schuld und Unschuld wird gerichtet. „Wie konnte das geschehen!“, mutiert von einer verzweifelten Frage zur ekel- und wutgespickten Anklage gegen den ratlosen Rechtsstaat. Das vermeintliche Kammerspiel der Aktrice zertrümmert dabei die Wände und entlässt in der Totenmaske Tragödien in eine regenreiche Nacht.
Unterweger | 1.4. 20 Uhr, 23.4. 19 Uhr, weitere Termine in Planung | Schauspiel Köln, Depot 3 | 0221 22 12 84 00
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