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Rüdiger Pape
Foto: Thomas Dahl

„Jeder ist Medea“

26. März 2026

Regisseur Rüdiger Pape über „Medea 2.0“ am Orangerie Theater – Premiere 04/26

Medea verrät die eigene Familie, um ihrem Geliebten Jason beim Raub des wertvollen Goldenen Vlieses zu helfen. Nach der erfolgreichen Tat und der gemeinsamen Flucht verstößt Jason sie für eine andere Frau – Medea sinnt auf Rache. Rüdiger Pape inszeniert eine moderne Fassung des antiken Mythos‘ mit Studierenden der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter.

choices: Herr Pape, der Name Medea leitet sich von den Verben „planen“, „ersinnen“ oder auch „denken“ ab. Was planen Sie mit dem Stück abseits von 90 Minuten Bühnenunterhaltung?

Rüdiger Pape: Es sind „nur“ rund 80 Minuten. Bühnenunterhaltung? Das ist sicherlich nicht das richtige Wort dafür. Was plane ich damit? Der Stoff interessiert mich schon sehr lange. Das ist ein Projekt, das irgendwann ans Licht der Welt musste. Ich bin erstmals 1987 in einer Heiner Müller-Produktion, „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“, mit dem Stoff in Berührung gekommen. Letztes Jahr habe ich dann am Theater der Keller miteiner Studentin einen Medea-Monolog erarbeitet.Ich dachte danach, das Thema ist noch nicht ausgeschöpft. Schließlich schlug mir die Leitung der Alanus Hochschule vor, eine Inszenierung mit Studierenden zu erarbeiten – ich entschied mich erneut für Medea. Da passte alles. Der Stoff ist archaisch. Der eigentliche Mythos geht noch weiter zurück als Euripides‘ bekannte Fassung. Er hat janoch den Kindermord dazu erfunden. Entscheidend für mich sind die unfassbaren Gefühlsbewegungen dieser Frau. Es beginnt schon mit der Heimat, aus der sie stammt: Sie lebt in Kolchis, also im damaligen Georgien, ist göttlichen Ursprungs und hat Zauberkräfte, fühlt sich aberin ihrem Palast gefangen. Es gibt Gründe, warum sie dortweg will, ihren Vater hintergeht, indem sie Jason ermöglicht, das „Goldene Vlies“ zu stehlen. Und dann tötet sie auf der Flucht ihren kleinen Bruder Apsyrtos. Die zerstückelten Körperteile des Jünglings lässt sie ins Meer werfen, um ihrem Vater zu entkommen.

Die Tragödie von Euripides ist rund 1.500 Jahre alt. Wie konnten Sie das junge Ensemble der Alanus Hochschule für den antiken Stoff gewinnen?

Es gab erstmal ein Vorsprechen mit den Student:innen, ganz unabhängig von Medea. Sie haben mir ihr Repertoire gezeigt. Das machte schon mal großen Spaß. Natürlich haben sie sich über Medea informiert. Allein die Story ist faszinierend genug. Ich glaube, meine Begeisterung für den Stoff hat wiederumeine gewisse Begeisterung bei ihnen ausgelöst. Dann war für mich klar, das ich mit den Darsteller:innen chorisch arbeiten würde. Jeder ist Medea, auch die Männer. Weil es ein Studierendenprojekt ist, sollten auch alle gesehen werden. Für die Student:innen war dann vor allem das Chorische eine spannende Herausforderung. Es geht dabei um sehr genaue Absprachen, Timing und eine abgestimmte innere Haltung. Das alles hat das Ensemble wunderbar zusammengeführt.

Die Geschichte wurde ja bereits vielfach adaptiert. Wo setzen Sie an?

Meine Inszenierung vereint Euripides mit Heiner Müller, Franz Grillparzer, Hanns Henny Jahn und Christa Wolff. Dabei steht nicht das Motiv der Rache im Vordergrund, sondern die Untersuchung derGründe, warum es zu den ganzen Morden in dieser Geschichte kommt.

Laut Pressetext verzichtet die Inszenierung „bewusst auf moralische Wertungen und versteht sich als offene Untersuchung menschlicher Verstrickungen“. Wie gelingt Ihnen das?

Die Figur Medea ist nicht ambivalent, sondern polyvalent. Im Grunde ist sie eine verdichteteKunstfigur. Wir beobachten dieseMedea in ihrenGefühlsstimmungen und nehmen Anteil daran. Ihre Handlungen werdennachvollziehbar, auch wenn sie über moralische Grenzen hinausgeht. Medea ist Täterin und Opfer. Sie entwickeltdabei eine innere Schlüssigkeit, die mich bewegt.

Wie konnten die Darsteller:innen persönliche Erfahrungen in den Wust aus Liebe, Macht, Intrigen und Mord einbringen?

Da gibt es unterschiedliche Aspekte. Ich habe die Studierenden angefragt, ob es toxische Beziehungserfahrungen gibt, die sie aufschreiben könnten. Einige haben das gemacht. Auf der Bühne stehen die Spieler:innen damit auch als sie selbst. Der Bezug zur Gegenwart zeigt sich auch darin, dass Medea und Jason in ein Land kommen, in dem sie fremd sind. Sie sind Geflüchtete,werden trotz ihres Status‘ als Königskinder in Korinth diskriminiert und gedemütigt. Medea fühlt sich dort sehr einsam. Da gibt es Bezüge auch in unserer Zeit.

Was erfahren wir in dem Stück eigentlich über Jason, den Geliebten und Gatten Medeas?

Jason hat verschiedene Charaktere. Er ist eine Art Clyde und Medea ist Bonnie. Der Mann ist total verzaubert von Medea, dann schlägt es um. Er ist naiv und brutal in seinen Absichten – weil er seinen alten Status durch die Vermählung mit der Königstochter wiedererlangen will, verrät er seine Frau. Eine quasimoderne Trennungsgeschichte. Darüber hinaus hat Jason definitiv etwas Narzisstisches in sich.

Wie nutzen Sie die Möglichkeiten der Orangerie? Dort stehen neben dem Theatersaal ja auch ein weitläufiges Außengelände und ein Gewölbe zur Verfügung.

Die Aufführung wird im Saal der Orangerie stattfinden. Was die Ausstattung angeht, hatten wir nur geringe finanzielle Mittel zur Verfügung. Die ganze Geschichte erzählen wir mit acht Stühlen und einer Stoffbahn. Das ist alles. Der Probenprozess war ein sehr offener. Ich habe dabei auch Entscheidungen abgegeben. Wichtig sind mir auch die gemeinsam entwickelten Tanzelemente. Körperlicher Ausdruck ist für meine Inszenierungen unabdingbar. Nur Stehen und Sprechen sind nicht meine Welt.

Welche Musik ist zu hören?

Ich habe die Studierenden gebeten, persönliche Playlists zu erstellen. Was für Songs fallen euch ein, wenn ihr an Medea denkt? Da kam viel zusammen. Es finden sich teilweise Beats und Atmos. Darüber hinaus wird auch livegesungen.

Gibt es reale Persönlichkeiten, die Ihnen beim Gedanken an Medea und Jason spontan einfallen?

Nicht wirklich.Auffällig ist aber, dass in Filmen und Theaterstücken immer wieder auf archaische Bilder wie in Medea zurückgegriffen wird. Sie bilden eine dramatische Urstruktur für Erzählungen. In den antikenGeschichten konzentriert sich das Menschsein.

Die Uraufführung lief bereits im Bonner Theater im Ballsaal. Kam es dort zu Reaktionen, mit denen Sie nicht gerechnet haben?

Zum Glück nicht.Das Stück wurde vom Publikum tatsächlich sehr, sehrgut aufgenommen. Ich bin total glücklich mit dieser Produktion. Auch weil die Studierenden sich während der Arbeit unheimlich weiterentwickelt haben. Die Probenarbeit war intensiv und produktiv. Über neun Wochen haben wir täglich geprobt.

Wie könnte eine zukünftige Inszenierung von „Medea 3.0“ aussehen, klingen und sich anfühlen?

Tatsächlich dachte ich nach der Premiere, es könnte eigentlich noch eine weitere Bearbeitung folgen. Der Stoff gibt so unglaublich viel her.

Sind neben den beiden Aufführungen im April weitere Termine in der Orangerie geplant?

Das wäre natürlich wünschenswert, hängt aber vom Publikumszuspruch und den Finanzierungsmöglichkeiten ab.

Medea 2.0 | 11.4. 20 Uhr (P), 12.4. 18 Uhr | Orangerie Theater | 0221 95 22 708

Interview: Thomas Dahl

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