In der Welt des freien Tanzes ist die Bühne selten gefüllt. Selbst die großen Kompanien verschlanken sich. Bei Gagen unter dem Mindestlohn kommt bei den Freien selten ein Ensemble von sechs oder mehr Akteuren zusammen. Da scheint es praktisch, dass Bonn gleich ein Internationales Tanzsolofestival veranstaltet, und das nun schon zum neunten Mal. Aber wie man sich doch täuschen kann. Als langjähriger Betreiber des Bonner Theaters im Ballsaal korrigiert Rainald Endress solche Vorstellungen sogleich mit dem Hinweis, dass sich allein die Nebenkosten eines Soloauftritts kaum von einem Gruppenauftritt unterscheiden. Zudem darf man ihm und der Kuratorin Daniela Ebert glauben, dass ihr Ehrgeiz mit dem Festival darin besteht, „möglichst spannende Arbeiten zu zeigen“.
Wer einmal für eine Solo-Choreografie Feuer gefangen hat, wird laut den beiden schnell süchtig nach diesem Format. Das stimmt, denn die letzte Ausgabe des Festivals vor drei Jahren reihte ein Highlight an das nächste. Soli können eine besondere Intensität erzeugen, da sie künstlerisch oftmals stringenter konzipiert sind als eine Gruppenproduktion. Die jeweiligen Solisten kommunizieren unmittelbar mit dem Publikum, jede Geste ist sofort mit Bedeutung aufgeladen. Hier kann sich niemand Leerlauf erlauben.
Produktionen von individueller Radikalität sind auch diesmal zu erwarten. Etwa von der israelischen Künstlerin Yasmeen Godder, die sich in ihrer Choreografie „Shelling“ mit dem Unterschied von innerer und äußerer Widerstandsfähigkeit befasst. Die Verletzlichkeit des weiblichen Körpers ist eines ihrer zentralen Themen – und die Frage, wie Verletzung erinnert wird. Mit dem Körper setzt sich auch der queere französische Choreograf Pierre Piton auseinander. In „Open/Close“ betrachtet er die Gegenwart als Raum zwischen Verheißung und Dystopie. Eröffnet wird mit dem Starchoreografen Thomas Hauert, der mit „Troglodythe“ ein Stück über den Zaunkönig als klassischen außenstehenden Beobachter zeigt. Er tritt im Tanzgenerator Bonn auf, dem Veranstaltungspartner des Ballsaals. Mit weiteren Soli wartet zudem das Programm des Moovy Tanzfilmfestivals auf.
9. Internationales Bonner Tanzsolofestival | 17. - 30.4. | Theater im Ballsaal, Tanzgenerator Bonn | 0228 79 79 01 (Theater im Ballsaal)
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Percussion als Beinarbeit
„The Center Will Not Hold“ in Köln
Helden und große Gefühle
Die fulminanten Choreographien von Brig Huezo – Tanz in NRW 03/26
Keine Entspannung
Kulturmanagerin Mechtild Tellman über die Zukunft des Tanzes – Tanz in NRW 02/26
Der Tanz der Krähe
„Die Ecke“ in der Alten Wursterei – Auftritt 01/26
Spiel mit der Psyche
Hofesh Shechter gastierte mit seiner Tanzkompanie in Köln – Tanz in NRW 01/26
Tanz schärft die Sinne
IP Tanz feiert 30. Geburtstag – Tanz in NRW 12/25
Wachsende Szene
Das 5. Festival Zeit für Zirkus startet in NRW – Tanz in NRW 11/25
Tanz gegen Kolonialismus
„La Pola“ im Rautenstrauch-Joest-Museum – Tanz in NRW 10/25
Wissen in Bewegung
Das Sachbuch „Die Philosophie des Tanzens“ – Tanz in NRW 09/25
Komme ich gut an?
„It‘s Me“ im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln – Tanz in NRW 08/25
Chaos
NRW kürzt bei freien Tanzgruppen – Tanz in NRW 07/25
Lustvolle Inspirationsquelle
Das Circus Dance Festival 2025 in Köln – Tanz in NRW 06/25
Lässiger Spott
„Ophelia‘s Got Talent“ am Schauspiel Köln – Tanz in NRW 05/25
Plötzlich und heftig
Das Land NRW kappt Säulen der Tanzförderung – Tanz in NRW 04/25
Tanz der Generationen
„Kaleidoskop des Lebens“ von Choreografin Suheyla Ferwer – Tanz in NRW 03/25