Je gründlicher die digitale Technologie die Realität des menschlichen Körpers zum Verschwinden bringt, umso hartnäckiger kommt sie durch die Hintertür wieder ins Spiel. Das demonstriert in der Szene des FreienTanzes in NRW derzeit niemand so konsequent wie Brig Huezo. Hier ist ein Talent aus Mittelamerika am Werk, das barocke Bildorgien veranstaltet. Es passt perfekt, dass Huezo von der Oper Köln für den traditionellen Termin ausgesucht wurde, den man der Freien Szene auf großer Bühne gönnt. Denn die Produktionen sind auf ihre Weise Opern der eigenen Art.
Große Gefühle gibt es ebenso wie Heldenmythen, allerdings alles aus dem Fantasy-Fundus der Gamer. Prinzessinnen mit wehendem Haarschopf, Ritter mit mächtigen Schwertern, feuerspeiende Drachen, riesenhafte Insekten und Rosen in Breitwandformat. Die Nähe zum Gaming ist Brig Huezo wichtig, „das ist ein Ort, an dem man all das machen kann, was in der analogen Welt nicht möglich ist“, erklärt Huezo. „Dort lasse ich meine Kreativität frei“ – und zugleich werden im digitalen Bilderstrom eigene Traumata verarbeitet, wenn Huezo vom „Insekt inside of my head“ (Insekt in meinem Kopf) spricht.
Nach Stationen in Amsterdam und Berlin studierte Huezo an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Im Gegensatz zu vielen aktuellen Bühnenproduktionen im Theater und Tanz ziehen in den Arbeiten die digitalen Bilder nicht die Aufmerksamkeit von den Aktionen der menschlichen Körper ab. Die rundum verkabelten Tänzerinnen entscheiden während ihrer Aktionen selbst, welche Bilder gerade abgerufen werden. In der letzten Produktion „Perreandro Hardcore“ spielten die Hüften der Akteurinnen eine wichtige Rolle. Vom Körpermittelpunkt gingen die Impulse aus, so dass ein schwingender sinnlicher Rhythmus entstand. Eine in jedem Moment feministisches Selbstbewusstsein ausstrahlende Erotik etabliert sich in den Arbeiten von Brig Huezo. Trotz der lässig zur Schau gestellten Spontaneität ist in diesen multimedialen Choreografien nichts dem Zufall überlassen. Man spürt in jedem Moment den Versuch, mit vorhandenen Bildern von Gefühlen und inneren Kämpfen zu erzählen. Dazu hat sich Brig Huezo eine eigene Ästhetik geschaffen, die nichts von einer grüblerischen Introspektion hat, sondern mit frischen Ideen den verführerischen Reiz des Tanzes für sich entdeckt.
The Ghost in the Glitch | 11. (UA), 12., 13., 14.4. | Oper Köln, Staatenhaus | 0221 22 12 84 00
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