
Nürnberg
USA, Ungarn 2025, Laufzeit: 148 Min., FSK 12
Regie: James Vanderbilt
Darsteller: Russell Crowe, Rami Malek, Richard E. Grant
Mitreißendes, vielschichtiges Historiendrama
Nicht persönlich gemeint
„Nürnberg“ von James Vanderbilt
Im Vorfeld der Nürnberger Prozesse 1945 wird der US-amerikanische Militärpsychiater Douglas Kelley (Rami Malek) damit beauftragt, die inhaftierten Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes auf ihre Prozessfähigkeit zu untersuchen. Darüber hinaus will Kelley das „Böse“ psychologisch erfassen, um es künftig zu verhindern, und interessiert sich für die Täterprofile: Sind die Verantwortlichen Nazimonster oder gewöhnliche Menschen? Hauptaugenmerk seiner Untersuchung wird Hitlers ehemaliger Reichsmarschall Hermann Göring (Russell Crowe). Während der US-amerikanische Richter Robert H. Jackson (Michael Shannon) den beispiellosen Prozess vorbereitet, findet Kelley unbequeme Antworten.
Basierend auf dem biografischen Roman „Der Nazi und der Psychiater“ von Jack El-Hai aus dem Jahr 2013, inszeniert Regisseur James Vanderbilt („Der Moment der Wahrheit“) eine fesselnde Geschichtsstunde, die weit über einen historischen Abriss hinausreicht. Die Bedeutung und Herausforderungen der Nürnberger Prozesse werden anschaulich aufgefächert. Illustriert werden zudem die politischen Ränkespiele hinter dem Prozess, bei dem Richter unter Beschuss geraten und Erkenntnisse dem gewünschten Narrativ weichen. Musik und Dramaturgie meinen es mitunter zu gut, und Kelley war wohl tatsächlich ungleich exzentrischer, aber das schmälert den Gesamteindruck nicht – für eine Großproduktion bleibt das Drama insgesamt angenehm geerdet.
Vanderbilt erzählt differenziert und übersichtlich, er zeigt viel und erspart nichts. Vor allem geht es ihm dabei um die Beziehung zwischen Kelley und Göring. Russell Crowe performt beeindruckend Körperlichkeit und Habitus der prominenten Nazi-Figur, mitunter wird Originalfilmmaterial aus dem Gerichtssaal gegengeschnitten. In der Originalversion spricht Crowe außerdem in Teilen tatsächlich Deutsch. Die Begegnungen der beiden Protagonisten sind packend gezeichnet, Kelley droht dabei schließlich, die professionelle Distanz zu verlieren. Interessant ist das Psychogram, das sich ihm von Göring erschließt und aus der er seine Diagnose folgern lässt: Diese Kriegsverbrecher sind keine Monster, ihr grausames Walten findet sich vielmehr universell, die monströse Tat kann von ganz normalen Menschen ausgehen. Mit Gustav Gilbert stellt man Kelley kurz nach Prozessbeginn einen anderen Psychologen zur Seite, der Kelleys Erkenntnis nachhaltig torpedieren soll. In Nürnberg sucht man die Wahrheit, doch sie soll ins Gut-Böse-Schema passen: Menschen wie du und ich sind keine Nazis, in den USA kann so etwas nicht passieren.
Geradezu zwingend zieht das Drama damit den Bogen in unsere Zeit, wenn wir täglich ebenso intelligente wie unmoralische Narzissten vor uns sehen, die lügen und Anderen Fakes unterstellen. Die ihr radikales Denken und grausames Handeln damit rechtfertigen, dass sie demokratisch gewählt wurden. Göring wirkt auch hier wie ein sympathischer Mann mit Verstand, gelassen, klug, mit Sinn für Stil und Humor, verführerisch. 1941 befehligt er die Organisation des Völkermords an den europäischen Juden. Ein Mensch mit universellen psychischen Defekten. Kein Nazi-Monster.

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