Alles ist eine Illusion! Was ist Malerei anderes als eine Bilderzeugungsmaschine, wie Hans-Jürgen Hafner im Katalog der documenta 2008 zu den dortigen Malereien von Monika Baer geschrieben hat. Baer, die bereits da in einem Kunstbetrieb, der sich bevorzugt anderen Disziplinen zugewandt hatte, mit ihren Gemälden und ihrer unzeitgemäßen Gegenwart beeindruckte, lotet bis heute die Grenzen ihres Mediums zwischen Illusion und Desillusion sowie Fläche und faktischer Plastizität aus. So hat sie Gegenstände auf der Leinwand appliziert und zieht sich in anderen Werkgruppen auf die klassische Malerei mit ihrer Flächigkeit zurück. Sie malt, zeichnet mit skizzierendem Strich Szenen auf die Leinwand, so dass sie wie flüchtige Erinnerungen oder mediale Aneignungen wirken, und schildert Atmosphäre und Detailaufnahmen am Rande unserer Zivilisation.
Erst recht mit der Kenntnis um die Programmatik und das Vokabular ihrer Malerei ist Monika Baers Ausstellung im Kölnischen Kunstverein eindrucksvoll und logisch. Zu sehen sind Bilder aus den beiden jüngsten Werkgruppen. Sie befragen Flächen und unser Vorstellungsvermögen von diesen, vorgetragen als subtile Differenz von Haut sowie undurchdringliche Körperlichkeit hin zum Volumen. So zeigt die frühere, um 2022/23 entstandene Serie Armeemäntel, die teils mit dem Futter nach außen gekehrt schlaff und geballt auf Simsen oder Felsnischen liegen und herabhängen. Gerade im Kontrast zur gestuften Steinfläche im lichten Bildraum wirken Leder und Stoff körperlich, demonstrieren kalt und warm und sind dann wieder kleinteilig malerisch und zeichnerisch ausformuliert.
Monika Baer, Schweine Steine Scherben (smoking), 2025, Öl, Acryl. Pigmente und Sand auf Leinwand, 220 x 170 cm, (Ausschnitt). Courtesy Trautwein Herleth, Berlin; Greene Naftali, New York. © Künstlerin, Foto: Júlia StandovárDemgegenüber tragen die anschließenden Mauer-Gemälde eine elementare Profanität vor. Sie gliedern sich in die Gruppen „Lavender wall“ und „Schweine Steine Scherben“ und zeigen gerasterte Backsteinwände, auf die eine amorphe rosa-violette Masse flach aufgesetzt oder eingefräst scheint, umso mehr, als Baer die Malerei mit Quarzsand durchkörnt hat, so dass sie wie Putz anmutet. Andererseits weckt die fleischige Masse mit den wie ausgepressten Farbrändern Assoziationen an einen platt gewalzten Kaugummi und lässt an eine gespannte Haut denken. Sie wird zur Membran, die zwischen innen und außen vermittelt. Die weiche Form ist in der rauen, kantigen und widerborstigen Wand positioniert. Jedoch konterkariert Monika Baer jede hehre Vereinnahmung mit Widerhaken. Hier handelt es sich um winzige Einritzungen, wie Wimmelbilder. Wir sehen Sgraffitos von Banalitäten des Alltags, die als Ausleben von Langweile und Ärger wirken, andererseits sogar antike Reiterstandbilder beinhalten. Beginnt das Profane nicht schon beim Rosa-Ton, der regelrecht provozieren könnte? Zu den Qualitäten des Werkes von Monika Baer gehöre, sagt Valérie Knoll, die Direktorin des Kunstvereins, ihre Aktualität: dass sie die Emotionen der Gegenwart transportiert. Und im langgezogenen, nicht-unterteilten Rechteck des Kunstvereins, das noch seine Wandstruktur betont, wirken die Bilder fast wie eine Fortsetzung der „Entkernung“, als Leinwandflächen und Raum vor dem Raum: offenherzig und geheimnisumwittert im Gegenüber.
Monika Baer – Defection | bis 3.5. | Kölnischer Kunstverein | 0221 22 12 38 60
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