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Gewalt gegen Frauen verhindern: Portugal lässt nicht locker
Foto: Hakan/Adobe Stock

Sensibel verzahnte Reformen

26. Februar 2026

Wie Portugal Maßstäbe bei der Bekämpfung von Gewalt an Frauen setzt – Europa-Vorbild: Portugal

Portugal gilt in Europa als eines der Vorbilder im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Das südwesteuropäische Land war 2013 das erste EU-Mitglied, das die Istanbul-Konvention des Europarats ratifizierte. Jenes weitreichende Abkommen, das Staaten verpflichtet, Gewalt gegen Frauen umfassend zu bekämpfen. Seitdem hat Portugal kontinuierlich Reformen vorangetrieben, die Prävention, Opferschutz und Strafverfolgung miteinander verzahnen. 

Reformen mit Signalwirkung

Besonders bedeutsam war die Änderung des Strafgesetzbuchs im Jahr 2019: Die bislang auf körperliche Gewalt fokussierte Definition von Vergewaltigung wurde durch einen Einwilligungsgrundsatz ersetzt. Sexuelle Handlungen gegen den „erkennbaren Willen" des Opfers gelten nun als strafbar. Ein Paradigmenwechsel, der in der Justiz zunehmend als Maßstab für aktive Zustimmung interpretiert wird. Zudem wurde 2020 und 2021 das Gesetz zur häuslichen Gewalt erweitert: Elektronische Fußfesseln zur Überwachung von Tätern sind nun möglich, Familiengerichte werden bei Entscheidungen zum Sorgerecht systematisch über Schutzanordnungen informiert.

Ökonomische Gewalt als Straftat

Seit 2019 wurde ökonomische oder wirtschaftliche Gewalt explizit ins Strafrecht zu häuslicher Gewalt aufgenommen. Damit gelten das Verweigern finanzieller Mittel, das Kontrollieren von Ausgaben oder das Sabotieren beruflicher Chancen als strafbare Formen psychischen Missbrauchs. Dies schützt vor allem Frauen, die durch finanzielle Abhängigkeit in toxischen Beziehungen gefangen sind. Die Reform, angestoßen durch Empfehlungen der unabhängigen Grevio-Kommission (Group of Experts on Action against Violence against Women and Domestic Violence), ermöglicht nun gerichtliche Anordnungen wie Kontensperrungen oder Zwangszahlungen und adressiert ein weitverbreitetes, aber lange unsichtbares Gewaltmuster. In Portugal, wo Armut häufiger Frauen trifft, erhöht dies die Resilienz von Opfern und wirkt gegen Eskalationen. Diese Erweiterung folgt der Istanbul-Konvention, die Gewalt in allen Formen, sowohl physisch, psychisch, sexuell und wirtschaftlich, als geschlechtsspezifisch einstuft.

Diese Reformen folgen den Empfehlungen der Grevio, die die Umsetzung der Istanbul-Konvention überwacht und zeigen den politischen Willen Portugals, internationale Standards nicht nur zu erfüllen, sondern zu übertreffen.

Gesundheitswesen als Schutzpfeiler

Ein herausragendes Merkmal des portugiesischen Systems ist die enge Einbindung des Gesundheitssektors in den Opferschutz. In jedem Krankenhaus und Gesundheitszentrum des Landes arbeiten spezialisierte Teams zur Prävention von Gewalt an Erwachsenen (EPVAs, European Partnership against Violence Association). Die Fachkräfte erkennen Gewaltopfer frühzeitig, wenden standardisierte Protokolle an und kooperieren mit Polizei, Beratungsstellen und Justiz, um Betroffene umfassend zu unterstützen.

Forensische Mediziner folgen strengen Verfahren zur Beweissicherung an, die vor Gericht Bestand haben. Diese Verankerung des Gesundheitswesens als erste Anlaufstelle schafft Vertrauen. Gerade bei Frauen, die den Schritt zur Polizei noch scheuen, aber medizinische Hilfe suchen. Grevio hebt diesen Ansatz als vorbildlich hervor, weil er Opfern ermöglicht, Hilfe zu erhalten, ohne sofort Anzeige erstatten zu müssen.

Opferschutzbüros und Staatsanwaltschaften

Ein weiterer Baustein sind die sogenannten Victim Support Offices (Gemeinsame Anlaufstelle Gewalt), die von NGOs betrieben und direkt in Staatsanwaltschaften integriert sind. Diese Struktur ermöglicht es Opfern, niedrigschwellig Beratung zu erhalten, während gleichzeitig eine enge Abstimmung mit den Strafverfolgungsbehörden gewährleistet ist. Spezialisierte Abteilungen für häusliche Gewalt wurden in mehreren Staatsanwaltschaften landesweit eingerichtet und erhöhen die Kapazitäten für die Bearbeitung komplexer Fälle.

Die Nationale Strategie für Gleichstellung und Nichtdiskriminierung 2018-2030 bildet den politischen Rahmen. Sie wird ergänzt durch Aktionspläne zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, zuletzt für den Zeitraum 2023-2026. Diese Pläne bündeln die Aktivitäten von Ministerien, Kommunen und zivilgesellschaftlichen Partnern und beziehen auch Jugend-, Kultur- und Sportverbände in Präventionsmaßnahmen ein.

Hochrisiko Trennungsphase

Trotz aller Fortschritte bleibt die Lage ernst. Das Observatory on Murdered Women (OMA) der Frauenrechtsorganisation UMAR dokumentiert seit 2004 systematisch Frauenmorde in Portugal. Eine Arbeit, die staatliche Statistiken ergänzt und Dunkelfelder aufhellt. Laut OMA wurden 2019 und 2020 insgesamt 68 Frauen getötet, davon 42 durch Intimpartner. In 40 Prozent dieser Fälle befanden sich die Opfer in einer Trennungsphase. Eine Hochrisikosituation, die gezielte Schutzmaßnahmen erfordert.

Das EU-Projekt Fem-United, an dem Portugal beteiligt ist, entwickelt transnationale Werkzeuge zur Femizid-Prävention und fördert die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wissenschaft und NGOs. Eine zentrale Forderung: Portugal braucht eine offizielle Definition und systematische Erfassung von Femiziden, um Präventionsmaßnahmen gezielter zu steuern.

Woran es noch fehlt

Grevio identifiziert in seinem jüngsten Bericht vom Mai 2025 auch Defizite. So fehlt weiterhin eine rund um die Uhr erreichbare nationale Telefonhotline für Gewaltopfer. Die Zahl der Frauenhausplätze entspricht noch nicht den Anforderungen der Istanbul-Konvention, und der Zugang zu Schutzunterkünften ist teils an eine Anzeige gebunden. Eine Hürde, die viele Betroffene abschreckt. 

Kritisch sieht Grevio auch patriarchale Einstellungen in Teilen der Justiz: Familiengerichte priorisieren mitunter den Erhalt der Familieneinheit über den Schutz von Opfern, Strafverfahren werden häufig ausgesetzt oder enden mit milden Bewährungsstrafen. Schulungen für Richter und Staatsanwälte zu geschlechtsspezifischer Gewalt müssten verpflichtend und systematisch erfolgen.

Ein Modell mit Strahlkraft

Portugal zeigt, dass konsequente Politik, institutionelle Verankerung und zivilgesellschaftliches Engagement zusammenwirken müssen, um Gewalt gegen Frauen wirksam zu bekämpfen. Die frühe Ratifizierung der Istanbul-Konvention war kein symbolischer Akt, sondern Ausgangspunkt einer fortlaufenden Reform. Für Deutschland, wo Frauenhäuser jährlich Tausende Hilfesuchende abweisen müssen, liefert das portugiesische Modell wertvolle Impulse: Opferschutz beginnt im Gesundheitswesen, braucht spezialisierte Justizstrukturen und eine Politik, die Gewalt gegen Frauen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreift.

Inés Carrasco

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