Verglichen mit seinem Bekanntheitsgrad ist das Werk von Navid Kermani auf den Theaterbühnen wenig präsent. Halbszenische Lesungen und Vorträge gibt es zwar zuhauf, doch Inszenierungen sind selten – was nicht zuletzt auch an den Büchern liegt. Am Theater der Keller unternimmt jetzt Hein Simon Keller den Versuch, den Prosaband „Vierzig Leben“ auf die Bühne zu bringen. Ein Buch mit vierzig Geschichten, die mit Überschriften wie „Von der Tugend“, „Von der Freiheit“ oder „Von der Schwermut“ daherkommen. Das klingt zwar nach dem Zentnergewichte der Ethik, steigt aber dann tief in die Banalität des Alltags. Was Kermani dort aufspürt, sind charakterliche Verschleifungen, die allen ethischen Ansprüchen Hohn sprechen. Da kann ein junger Mann Wochen damit verbringen, einen einzigen Flug zu buchen. Eine Wissenschaftlerin schläft mit dem Leiter einer Berufungskommission. Ein Backgammonspieler philosophiert über den falschen Zug zum Sieg. Ob man es als religiöse Epiphanie im Alltag oder als ethische Ausrutscher interpretiert, eines verlieren die Figuren allerdings nie: ihre Würde.
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