
Cyrano
USA 2021, Laufzeit: 124 Min., FSK 12
Regie: Joe Wright
Darsteller: Peter Dinklage, Haley Bennett, Kelvin Harrison Jr.
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Musical-Adaption des berühmten Versdramas
Liebe um vier Ecken
'„Cyrano“ von Joe Wright
1897 spitzt Edmond Rostand die Feder und schreibt sein Versdrama „Cyrano de Bergerac“. Eine anmutig gereimte Liebesunglücksgeschichte über Cyrano, der für einen weniger Wortgewandten allerlei Romantisches verfasst an die Frau, die jener verehrt, in die sich aber Cyrano selbst längst verliebt hat: Roxane. Der weniger Wortgewandte ist Christian von Neuvillette, Kamerad im Regiment Cyranos. Und Beistand ist bitter nötig, denn die Begehrte will wortreich umgarnt sein – und Christian ist auf den Mund gefallen. Cyrano steht ihm fortan als heimlicher Liebeslyriker und Souffleur zur Seite. Der schäbige Graf De Guiche erschwert indes als weiterer, gefährlich einflussreicher Nebenbuhler die Annäherung. Es wird komisch, es wird romantisch, es wird tragisch – c’est l‘amour.
Bereits im Jahr 1900, dreizehn Jahre nach seiner Premiere, erfährt das Bühnenstück seine erste Verfilmung durch Clément-Maurice, die sich jedoch nur auf eine zweiminütige Szene begrenzt. Erstmals abendfüllend gestaltet sich eine nachkolorierte italienisch-französische Stummfilmproduktion von 1925, für die USA geht 1950 José Ferrer als Titelheld ins Rennen, bis schließlich Gérard Depardieu unter der Regie von Jean-Paul Rappeneau 1989 alle bisherigen Vorgänger aussticht – und nachhaltiger Maßstab wird. Drum herum tummeln sich weitere Filme, die sich eher lose inspiriert zeigen, den Stoff gern in die Jetztzeit verlegen und tendenziell beschwingter ausfallen. Am besten dürfte die Hollywood-Komödie „Roxanne“ von 1987 in Erinnerung sein, in der Steve Martin als lyrisch befeuerter Feuerwehrmann den langnasigen Charles alias Cyrano verkörpert.
Der aktuelle „Cyrano“ nun gibt sich nicht nur anders im Hinblick auf den Hauptdarsteller, der hier nicht etwa durch die charakteristisch große Nase auffällt, sondern vielmehr durch kleinen Körperwuchs. Peter Dinklage, famose Konstante in „Game of Thrones“, schwingt hier nun die Feder so souverän wie sein Schwert. Vor allem aber inszeniert Joe Wright das Versdrama erstmals als Leinwandmusical. Zugrunde liegt das Bühnenmusical der US-amerikanischen Indie-Rock-Band „The National“ aus dem Jahre 2018.
Damit müssen sich auch dieser Film an Rappeneaus Adaption und Dinklage an Depardieu messen. Zugleich jedoch spielt ein Musical in einer eigenen Liga. Rostands wundervolle Versform, sie verwässert hier ein Stück. Und natürlich tut sie das, so wie immer etwas verwässert in einem Musical, wenn Menschen nicht bloß reimen, sondern auch noch singen und tanzen dazu. Das ist ja die Stärke des Genres: der süße Schleier der verklärten Unschärfe, der, gesättigt von Kuschel-Opulenz, Kostüm-Popanz und sentimentaler Melodie das Wasser in die Augen treibt. Und ja: Das alles geht hier auf, ohne dass es kitschig wird. Joe Wright ist bereits bewandert im Kostümfilm („Stolz und Vorurteil“), die Bauten (Katie Spencer, Sarah Greenwood) sind adrett gebastelt und das prominente Cast vermag zu überzeugen: Haley Bennett („Swallow“) bezirzt als dickköpfig-naive Roxane mit Pipi-Langstrumpf-Attitüde. Kelvin Harrison Jr. („Waves“) überzeugt als charmanter Tunichtgut Christian, auch wenn sein souliger Gesang mitunter arg schmachtet und Geschmacksache ist. Ben Mendelsohn besingt seinen üblen De Guiche dagegen straight ruppig. Der Fokus aber liegt natürlich auf Peter Dinklage, der bewährt mit schwermütigem Blick performt, flink austeilt und mit markantem Bass die Noten intoniert, gern auch mal im Sprechgesang. Berührend fallen in „Cyrano“ übrigens nicht nur Herzensdinge aus, auch ein Lied der Soldaten vor der Schlacht sitzt tief. „The National“ liefern übrigens mitnichten ein Rockmusical ab. Sie bedienen das, was der Musical-Fan erwartet, bleiben aber zugleich angenehm geerdet dabei.
Und so berührt die Geschichte der melancholisch versteckten Liebe also auch als Leinwandmusical. Und das ermahnt nun auch alle still Verliebten der nächsten Generation dazu, die Liebe wahrhaftig werden zu lassen, damit die Schose nicht so endet wie hier. Dazu bedarf es eigentlich bloß eines: Mut. Mut zu einem tiefen Blick. Mut zu einem klaren Wort. Mut zu einem ersten Kuss. Nur Cyrano, er hat ihn nicht, bleibt kleiner Feigling, armer Wicht.
(Hartmut Ernst)

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