
Die andere Seite
Deutschland, Österreich 2026, Laufzeit: 106 Min., FSK 12
Regie: Mariko Minoguchi
Darsteller: Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch
Packende Sozialstudie
Infiziert
„Die andere Seite” von Mariko Minoguchi
Ganz unvermittelt wirft uns die junge Filmemacherin Mariko Minoguchi, die bereits mit ihrem Langfilmdebüt „Mein Ende. Dein Anfang.“ 2019 für Aufmerksamkeit gesorgt hatte, in die Handlung ihres zweiten Films „Die andere Seite“. Wir beobachten eine Frau dabei, wie sie ein Kaninchen häutet, dabei ertappt wird und panisch Reißaus nimmt. In einer abgelegenen Berghütte versorgt sie selbst ihre tiefe Fleischwunde an der Wade, schleicht sich kurz danach in ein seit geraumer Zeit leerstehendes Haus und plündert dort die noch essbaren Vorräte. Erst nach zwanzig Minuten fallen im Film die ersten Dialoge, als die Frau mit dem Namen Hanna (Nina Hoss) auf eine alte Bekannte trifft und diese um Medikamente für ihre mittlerweile entzündete Wunde bittet. Bis zu diesem Zeitpunkt wird das Publikum noch weitgehend im Unklaren gelassen, was hier genau passiert ist und weswegen im Radio vom Dichtmachen der Grenzen und einem Zusammenstehen der Bevölkerung die Rede ist. Minoguchi, die auch das Drehbuch zu diesem Film selbst verfasste, hat „Die andere Seite“ bewusst mysteriös angelegt und gibt den Zuschauern erst nach und nach Einblicke in ihr dystopisches Szenario.
So erfahren wir schließlich, dass die Menschheit einmal mehr von einer tödlichen globalen Pandemie heimgesucht wurde, der zahlreiche Menschen zum Opfer gefallen sind. Alle Infizierten werden in Lager zusammengesperrt, was deren Sterblichkeit aufgrund der zahlreichen Mutationen des Virus drastisch erhöht. Ärztin Hanna möchte diesem Schicksal entgehen und schlägt sich deswegen ganz auf sich allein gestellt im Untergrund durch, stets darum bemüht, der Polizei zu entkommen und anderen Menschen nicht zu nahe zu kommen, um diese nicht ebenfalls anzustecken. Der Beginn des Films, in dem der Alltag der Einzelgängerin in der Wildnis minutiös geschildert wird, lässt einen an „All is Lost“ zurückdenken, in dem sich Robert Redford allein in einem Segelboot den Naturgewalten stellen und seine Verletzungen selbst versorgen musste. Doch nach der ersten halben Stunde erweitert Minoguchi den Blick und lässt Hanna immer wieder auf einzelne andere Menschen treffen, um somit nach und nach eine viel umfassendere Sozialstudie zu entfalten. Zwangsläufig denkt man dabei an die Corona-Pandemie zurück, in der ebenfalls einige schwer nachvollziehbare Entscheidungen getroffen und die Privatsphäre der Menschen verletzt wurde. Wenn es gegen Ende des Films dann auch darum geht, die Grenze in den Süden nach Italien zu überschreiten (der Hauptteil der Handlung ist im österreichischen Osttirol angesiedelt), macht Mariko Minoguchi auf eindringliche Weise subjektive Migrationserfahrungen erlebbar und reichert ihren Film um weitere spannende Komponenten an. Im Mittelpunkt steht die Ausnahmeschauspielerin Nina Hoss („Tár“, „Schwesterlein“), die in fast jeder Szene des Films zu sehen ist und hier auch eine wahrlich körperliche Tour-de-Force zu bestreiten hat, die sie wieder einmal vortrefflich meistert.

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