
Digger
USA, Mexiko, Großbritannien 2026, Laufzeit: 129 Min., FSK 12
Regie: Alejandro González Iñárritu
Darsteller: Tom Cruise, Sandra Hüller, Riz Ahmed
Sagenhafte Satire
Fuck you, nature!
„Digger“ von Alejandro González Iñárritu
Es ist soweit: Die Welt geht unter! Mit Ansage. Digger Rockwell (Tom Cruise), reichster und mächtigster Mann der Erde, erfährt, dass seine einträgliche Methan-Quelle in Grönland explodiert ist. In der Folge treibt ein gigantischer Eisberg gen Europa und droht, in nicht endender Kettenreaktion die Welt, wie wir sie kennen, zu zerstören. Die Gesundheit seiner ramponierten Perserkatze Maggie geht vor, aber Digger und seine Halbschwester Emma (schon wieder famos: Sandra Hüller) müssen sich eingestehen: Hier ist nicht bloß die Menschheit in Gefahr, sondern auch das Kapital! Während Diggers Nachhaltigkeitsbeauftragter Dr. Ganesh (Riz Ahmed) nachhaltig in die Schranken verwiesen wird, steht schon bald der US-Präsident (John Goodman) samt Krisenstab und Pfarrer in Diggers Residenz. Und so wird munter Menschheitsgeschichte geschrieben.
Ein Glück: Nach seinem Netflix-Ausflug „Bardo“ kehrt der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu dorthin zurück, wo seine Filme hingehören: auf die große Leinwand. In seinem Frühwerk, dem Heimatfilm „Amores Perros“ und den Schuld- und Sühnedramen „21 Gramm“ und „Babel“, bewies sich der mexikanische Regisseur als Meister des verschachtelten Erzählens. Das Melodram „Biutiful“ dann bewegte sich linear und chronologisch rund um Barcelona. In „Birdman“ bereiste Iñárritu ein Broadwaytheater und spielte inspiriert mit Ebene, Fantasy und Plansequenz. Mit „The Revenant“ folgte ein packendes, intensives Survivaldrama in rauer Wildnis, das auch ein größeres Publikum abholte. Dann „Bardo“, Iñárritus filmische Rückkehr in seine Heimat Mexiko, eine epische, surreale Sinnsuche. Und jetzt macht der Regisseur – sagenhafte Satire!
Nicht nur das bevorstehende menschgemachte Ende der Welt, auch der männlich beherrschte Krisenstab, der selbstverliebte, infantile Trotz in Führung und Militär, die Täter-Opfer-Umkehr, die Egomanie erinnern an Donald Tr…, nein, wir wollten sagen: erinnert zuallererst an Stanley Kubricks „Dr. Seltsam“ – wobei: Vieles, was einst Satire war, ist ja heutzutage gar keine Satire mehr, weil ursprünglich Satirisches längst Realität geworden ist und im aktuellen Tagesgeschehen längst die Ebenen verschwimmen. Und mit solcherlei Ebenen und noch anderen mehr spielt hier auch äußerst klug, gewitzt und famos Alejandro González Iñárritu. Das führt am Ende dazu, dass sich der Film gar selbst diskutiert und reflektiert – und die Filmkritik ein Stück obsolet macht. Aber darüber sind wir gar nicht böse. Im Gegenteil.
Satire darf, so hört man, nur nach oben treten. Entlarven darf sie in „Digger“ indes auch die, die vermeintlich Opfer sind. Die Opfer aus den Wohlstandsnestern, die ohne Weitblick an der Wahlurne die Verantwortung abgeben und ihre künftigen Sündenböcke wählen. So verschwimmt die Schuld: Alles geht den Bach runter, alle sind fein raus. Die Hauptverantwortlichen inszenieren sich in der Folge noch als die Erlöser aus dem Schlamassel, den sie selbst herbeigeführt haben. Und das gefallene Wohlstandsvolk sucht Erlösung in Wut – und Lachen. Auch wir lachen. Und auf einmal sitzt man selbst mittendrin in der Satire, und die Komödie ist Tragödie.
Aber „Digger“ ist nicht bloß große Satire. Nicht nur ein starkes Drehbuch (Iñárritu ist einer von vier Autor:innen) und eine grandiose Jonglage mit den narrativen Ebenen. „Digger“ ist auch durchweg eine fantastische Performance der Akteure, die sich durch phantastische Bauten (Dennis Gassner) bewegen, getragen von einem tollen Score aus stimmungsvoll waberndem Blubber-Elektro bis hin zum akzentuierten Knartzer (Bryce Dessner). „Digger“ ist opulent und formsprengend. Witzig. Tragisch. Atemlos. Ein Kinofest. Ein famoses Gesamtwerk, das nur eines nicht bietet: Erlösung.
(Hartmut Ernst)

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