
Nouvelle Vague
Frankreich 2025, Laufzeit: 106 Min., FSK 12
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin
>> nouvelle-vague-film.de/
Mitreißende Ode an die Erweckungskraft des Kinos
Künstlerische Freiheit
„Nouvelle Vague“ von Richard Linklater
Ja, was war denn da los? Ende der 1950er Jahre fangen Filmjournalisten der 1951 gegründeten Cahiers du Cinéma damit an, selbst Filme zu drehen. Die Filmkritik der Cahiers richtet sich gegen traditionelle, konforme Studioproduktionen – fortan begreifen sie sich selbst als die Genies hinter der Kamera. Der Erfolg gibt ihnen schnell Recht: Claude Chabrol erregt mit seinem zweiten Spielfilm „Schrei, wenn du kannst“ Aufsehen, François Truffaut liefert mit „Sie küssten und sie schlugen ihn“ sein gefeiertes Langfilmdebüt. Beflügelt geben beide Regisseure ihrem schweizerischen Kollegen Jean-Luc Godard in der Folge Rückendeckung für sein erstes Spielfilmprojekt: „Außer Atem“. Um den Produzenten Georges de Beauregard zu besänftigen, reicht Truffaut formal ein Script ein, Chabrol fungiert offiziell als künstlerischer Begleiter. Tatsächlich macht Godard hier weitestgehend autark sein Ding und entschuldigt sich dafür bei Beauregard schon Mal briefschriftlich im Voraus. Richard Linklater skizziert in seinem Spielfilm 20 Drehtage, die nach einer nicht weniger aufreibenden Zeit im Schneideraum Filmgeschichte schreiben sollten, die eine neue Welle über die europäischen Filmkunst hereinbrechen lassen und sie zugleich manifestieren: die Nouvelle Vague.
Doch zuerst serviert Linklater jede Menge Aufbruchsstimmung. Atemlos bewegt sich Kameramann David Chambille durchs Paris 1959, durch das Büro der Cahiers du Cinéma, durch Empfänge und Premieren. Es hagelt Zitate, wir begegnen Rivette, Rohmer und Varda – Namen, Namen, Namen. Atemlos. Der unbekannte Schauspieler Jean Paul Belmondo (Aubry Dullin) wird aus dem Boxtraining heraus engagiert. Sein Agent rät ab, Belmondo entgegnet, ein kommerzieller Film würde ihn langweilen. Gute Entscheidung: „Außer Atem“ wird sein Durchbruch. Jean Seberg ist der einzige Star am Set, so wie Zoey Deutch („Juror #2“), die hier Seberg spielt, der einzige Star am Set Linklaters ist. Linklater verzichtet bewusst auf Prominenz. Nichts soll ablenken. Und tatsächlich: Nichts lenkt ab von der Unmittelbarkeit, die Linklater hier aufbaut: Godard (Guillaume Marbeck) inszeniert sein Debüt ohne Netz und doppelten Boden. Mit losem Script, kein Kunstlicht, kein Ton, keine Klappe, kein Anschluss. Mit Schalk und Improvisation, mit Intellekt und Erfindungsreichtum. Philosophisch, psychologisch, lyrisch, anarchisch. Und wenn ihm die Ideen ausgehen, ist halt Drehschluss. Godard scheint der einzige zu sein der weiß und versteht, was er da tut. Seberg ist entnervt, Produzent Beauregard (Bruno Dreyfürst) sieht rot. Am Ende: ein Film, der Konventionen sprengt, die Leinwand belebt und bis heute frisch wirkt. „Außer Atem“ ist purer Esprit.
Linklater ist seit über dreißig Jahren Filmregisseur. Jetzt erinnert er sich daran, wie es für ihn war, seinen ersten Langfilm zu drehen. Er kennt dieses „Aufeinandertreffen von überwältigendem Selbstvertrauen und tiefer Unsicherheit aufgrund von Unerfahrenheit, die grenzenlose Leidenschaft“. „Nouvelle Vague“ durchweht dieser Spirit des Aufbruchs. Inspiriert, frech, polternd. Man könnte sich darüber mokieren, dass Linklater die Entstehung des Meisterwerks gewissermaßen im Schnelldurchlauf abreißt. „Einen Film zu drehen ist die beste Filmkritik“ – neben Namen werden am laufenden Band Zitate rausgehauen, nah kommt man dem Menschen Jean-Luc Godard nicht. Wir Zuschauer sind Statisten bei 20 Drehtagen, die Linklater hier angeregt durchknarzt. Aber wir kommen dabei aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wir erliegen einer Initialzündung, künstlerische Freiheit in Reinkultur. Erfrischend. Inspirierend. Unterhaltsam.
„Nouvelle Vague“ ist nicht bloß Rückbesinnung, nicht nur ein Film über ein konkretes Projekt in einer konkreten Zeit. Das Drama ist ein Film grundsätzlicher Natur über das Filmemachen. Über ein Debüt, das mit einzigartiger Ambition einhergeht. Und damit ist „Nouvelle Vague“ zugleich Appell zu mehr Mut, aus Konventionen auszubrechen und Risiken einzugehen. Mut, der damit belohnt wird, Filmgeschichte zu schreiben.
César 2026: Beste Regie, Beste Kamera, Bester Schnitt, Beste Kostüme
(Hartmut Ernst)

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