
Primetime
USA 2026, Laufzeit: 107 Min., FSK 12
Regie: Lance Oppenheim
Darsteller: Robert Pattinson, Merritt Wever, Skyler Gisondo
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Medienkritischer Thriller
Zweischneidige Moral
„Primetime“ von Lance Oppenheim
In den frühen 2000er-Jahren sorgte eine Sendung in den USA für Furore: „To Catch a Predator“, erstmals ausgestrahlt im November 2004 auf MSNBC. Darin überführte Journalist Chris Hansen live mutmaßlich pädophile Männer, indem diese über das Internet angelockt wurden, im Glauben mit Teenagern zu chatten, und zu einem Treffen eingeladen wurden. Dort wurden sie jedoch von einer Fernsehcrew überrascht und anschließend vor laufender Kamera von der Polizei festgenommen.
Mehr als zwanzig Jahre nach der Erstausstrahlung widmet sich Lance Oppenheim nun in seinem Spielfilmdebüt dem damaligen Fernsehphänomen. Und das hat es in sich: In atmosphärischer, körniger 2000er-Optik verhandelt Oppenheim nuanciert und gekonnt die Grenzen und Fallstricke von Moral. Dabei führt er nicht nur das amerikanische Mediensystem mit seinem Hang zur Überdramatisierung und Polemisierung vor, sondern auch die Tradition von vermeintlich besorgten Bürgergruppen, die sich zusammenschließen, um basisdemokratisch für Recht und Ordnung zu sorgen: Hansen arbeitete damals mit Perverted-Justice zusammen, einer Organisation, die sich der Verfolgung und Anprangerung von Pädophilie verschrieben hatte.
Im Zentrum des Films: Journalist Chris Hansen, den Robert Pattinson als selbstverliebten und emotional äußerst fragilen Neurotiker spielt. Sein Wahn, das vermeintlich Böse zu jagen, treibt ihn dabei bis an den Rand der Besessenheit. Woher dieser Wahn genau rührt (neben dem offensichtlichen Drang, im Mittelpunkt zu stehen), wird nie aufgelöst: eine eigene Kindheitserfahrung? Ein Trauma? Oppenheim bietet keine Erklärung. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil es sich bei Hansen um eine reale, lebende Person handelt. Dieses Offenhalten von Hansens Motivation erscheint zunächst als Schwäche des Films – doch nur bis zu dem Punkt, an dem klar wird, dass Hansen dadurch zum universalen Symbol für die Fehlerhaftigkeit des Menschen wird. Denn Moral ist nichts, was fest zu greifen ist. Sie ist keine Sache, die angefasst werden kann und klar umrissene Grenzen und Regeln hat. Sie ist, was wir aus ihr machen, durch welche Schablone wir die Welt sehen, und deshalb auch: korrumpierbar durch unsere eigenen Schwächen und Fehler. Oppenheim und Ajon Singh (Drehbuch) gelingt es, diese Gedanken in all ihrer Widersprüchlichkeit auszuhandeln, indem sie ihre Figuren sich durch ihre Handlungen selbst entlarven lassen.
Neben Hansen stehen vor allem Produzentin Andie (wunderbar kaltschnäuzig und pragmatisch: Merritt Wever) und der angehende Schauspieler Dan (Skyler Gisondo) im Fokus. Sie balancieren Hansens Wahn aus, Andie durch ihre bodenständig-sachliche Art, und Dan als die einzige Figur des Films, deren moralischer Kompass noch nach herkömmlichen Parametern zu funktionieren scheint – und damit für einen wirklich berührenden Moment gegen Ende des Films sorgt.
Stilistisch ist „Primetime“eine spannende Konsequenz aus Oppenheims bisherigen Dokumentationen in Spielfilm-Ästhetik. So beschäftigte sich sein Kurzfilm „The Happiest Guy in the World“(2018) mit einem Mann, der dauerhaft auf Kreuzfahrtschiffen lebt, seine erste Langfilm-Dokumentation „Some Kind of Heaven“(2020) spielte ineiner riesigen Siedlung für Senior:innen in Florida, und „Spermworld“ (2024) lotete menschliche Sehnsüchte anhand der Welt der anonymen Online-Samenspende aus. Es überrascht deshalb nicht, wie gekonnt Oppenheim hier die dokumentarische Grundlage in fiktives Material übersetzt.
Nicht zuletzt ist „Primetime“ auch ein essenziell US-amerikanischer Film: Nur dort, wo der Anspruch auf eine höher geartete Moral schon in der 1776 verfassten Unabhängigkeitserklärung festgeschrieben wurde, kann er auch immer wieder an den eigenen blinden Flecken und der selbst gesteckten Fallhöhe scheitern. Mit der Reflexion ebenjenes Dilemmas leistet Oppenheim damit etwas, das die Politik aktuell nicht vermag – und zeigt einmal mehr, warum wir Kino immer noch so dringend brauchen.
(Marina Wudy )

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