Das Gespenst der Revolution geht mal wieder um: In der Politik und im November auch auf der Bühne. Zunächst bringt Frank Castorf Dostojewskijs Roman „Ein grüner Junge“ auf die Bühne. Der frühere Chef der Berliner Volksbühne arbeitet inzwischen als Freelancer und kann so auch mal das Kölner Schauspiel mit seiner Gegenwart beglücken. Der Roman fehlt noch in Castorfs Auseinandersetzung mit dem russischen Großromancier. Im Zentrum steht der junge Arkadij Dolgorukij, unehelicher Sohn eines Gutsbesitzers und einer Magd. Er macht sich in St. Peterburg auf die Suche nach seinem Vater, wird zum Spieler und gerät in eine vorrevolutionäre Atmosphäre zwischen Ideologen, Betrügern und Selbstmördern. Am Ende findet er wieder zu seiner Familie zurück.
Gleichzeitig inszeniert Sebastian Baumgarten ebenfalls am Schauspiel das selten gespielte Drama „Rheinische Rebellen“ des frühen Brecht-Freundes Arnolt Bronnen, der später zu den Nationalsozialisten überlief. Rebelliert wird gegen die Rheinlandbesetzung im Jahr 1923 – angeführt vom charismatischen Separatisten und Hedonisten Occc, einem Mann zwischen vier Frauen. Mit der politischen Überzeugung ist es allerdings nicht weit her, wenn Gefühle ins Spiel kommen. Die berühmte Frage nach der „sexuellen Hörigkeit“ ist weder ideologisch, noch kriminell zu erledigen. Das wusste schon Bronnen, das wusste später Brecht in der „Dreigroschenoper“ und noch später Sartre in „Die schmutzigen Hände“.
Am Theater Bonn wiederum inszeniert Claudia Bauer, die frühere Leiterin des Theaterhauses Jena und vielfach preisgekrönte Regisseurin, die 2017 auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Sie beschäftigt sich mit Jean Genets „Die Zofen“, die im Spiel die Umkehr gesellschaftlicher Machtverhältnisse erproben. Wenn die Gnädige Frau außer Haus ist, werfen sich die Dienstmädchen Claire und Solange in die herrschaftlichen Roben. Und dann wird gespielt: mit Macht und Unterwerfung, mit Lust und Frust, mit Erotik und Gewalt. Da die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit nie strikt zu ziehen sind, greift die Fantasie schnell in den Alltag über und hinterlässt tiefe Schneisen der Verletzung und Zerstörung. Die Umkehrung der Verhältnisse kann nicht friedlich sein – oder sie wird nicht sein.
„Ein grüner Junge“ | R: Frank Castorf | ab 1.11. | Schauspiel Köln | 0221 221 284 00
„Rheinische Rebellen“ | R: Sebastian Baumgarten | ab 23.11. | Schauspiel Köln | 0221 221 284 00
„Die Zofen“ | R: Claudia Bauer | ab 15.11. | Theater Bonn | 0228 77 80 08
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Zufall oder Schicksal?
„Jacques der Fatalist und sein Herr“ am Theater Bonn
Spuk mit Fragezeichen
„2:22“ am Kleinen Theater Bad Godesberg – Prolog 02/26
Im Hamsterrad des Grauens
„Der Gott des Gemetzels“ am Theater Bonn – Prolog 01/26
Der Insasse und das Insekt
„Die Ameise“ am Theater Bonn
So verwirrend wie das Leben
„Berlin Alexanderplatz“ am Schauspiel Köln – Prolog 11/25
Singende Fische
„Die Frau ohne Schatten“ am Theater Bonn – Oper in NRW 11/25
Tag des Unglücks
„VR13“ am Schauspiel Köln
Utopie auf dem Rückzug
Bertha von Suttners „Die Waffen nieder“ am Theater Bonn – Prolog 10/25
Die Moralfrage im Warenhaus
„Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ am Schauspiel Köln – Prolog 09/25
Zwischen den Fronten
„Making the Story“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 04/25
Die Grenzen des Theaters
„Was ihr wollt“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 04/25
Spiegelbild der Wutbürger
„Kohlhaas (Can‘t Get No Satisfaction)“ am Schauspiel Bad Godesberg – Auftritt 03/25
„Wir denken an ein liebevolles Beschimpfen“
Das Cuma Kollektiv inszeniert „Bühnenbeschimpfung“ am Freien Werkstatt Theater – Premiere 02/26
Der Tanz der Krähe
„Die Ecke“ in der Alten Wursterei – Auftritt 01/26
„Als säße man in einem flirrenden Zirkuszelt“
Regisseur Sergej Gößner über „Der fabelhafte Die“ am Comedia Theater – Premiere 01/26
Das Meer in dir
„Aqua@Cycles“ in der Alten Feuerwache – Theater am Rhein 01/26
Auszeit der Ewigkeit
„Pyrofems“ von Wehr51 im Studio Trafique – Auftritt 12/25
Praktisch plötzlich doof sein
Helge Schneider präsentiert seine neue Tour – Prolog 12/25
„Man spürt den Theatermenschen“
Dirigent Daniel Johannes Mayr über die Bonner Wiederentdeckung der Oper „Die Ameise“ – Premiere 12/25
Über zwei Ikonen
„Marlene Piaf“ am Theater der Keller – Theater am Rhein 12/25
Verlorene Jahre
„The Drop“ am Jungen Schauspiel in Düsseldorf – Prolog 11/25
Von der Aufgabe des Denkens
Audiowalk „Jeder stirbt für sich allein“ in Köln – Auftritt 11/25