Wenn Gedankenströme sich an ideologischen Mauern stauen oder in eisiger Gefühlskälte erstarren, sieht sich das Ur-Element des Lebens mit den Realitäten konfrontiert. Björn Gabriel schließt in seiner Inszenierung unmittelbare Lösungen aus, lässt aber Zwischenwege aus der Krise erkennen.
choices: Herr Gabriel, wie wird aus Theater Wasser, oder ist das vollkommener Unsinn?
Björn Gabriel: Das ist Unsinn. Es wird ja behauptet, dass Wasser der Ursprung alles Lebens sei. Das ist unsere Metapher. Wir orientieren uns an der Rede von David Foster Wallace „This is Water“ über affektives menschliches Verhalten. Darin kommt es zu einer Fabel. Sie lenkt den Fokus auf bestimmte Umstände, die wir als gegeben hinnehmen und nicht mehr hinterfragen. Foster Wallace baut seine Rede auf einem mittelmäßigen Witz auf: Ein Professorenfisch grüßt zwei studentische Fische mit folgenden Worten: „Na, Jungs, wie ist denn das Wasser heute?“ Diese antworten ebenfalls mit Floskeln wie, „Muss, muss“ und schwimmen nichtssagend davon. Schließlich wendet sich der eine an den anderen und fragt: „Sag mal, was zur Hölle ist eigentlich dieses Wasser?“
In diesem Essay aus dem Jahr 2005 fragt der Autor nach den Essenzen des Seins und des Zusammenlebens. Er antwortet darauf mit Bildung, Empathie und humanistischem Handeln. Diese Erkenntnis ist nicht neu, sogar schon Jahrhunderte alt. Was reizt das zeitgenössisch-experimentelle Studio Trafique an einer Adaption des Stoffes?
Dass wir uns gesellschaftlich in Umständen befinden, in denen wir lernen müssen, besser oder anders zu kommunizieren. Die Meinung des Gegenübers wird immer so groß, dass sie zu einer Gegnerschaft und nicht zu einer Diskussionsgrundlage wird. Da kommt eine Rede, wie die von Wallace gerade recht. Er wirbt sehr für Empathie. Es ist ein kleines Pamphlet der Menschlichkeit.
Sie kündigen in der Presse-Info ein „Live-Film-Theaterformat“ an. Was kann sich der Besucher darunter vorstellen und wie vermeiden Sie eine Reizüberflutung?
Wir haben im Bühnenbild ein bis zwei Leinwände integriert. Teile des Bühnengeschehens finden im Off statt. Vier Kameras werden das Schauspiel begleiten. Eine Person spielt live in einem Birkenwald und wird von dort übertragen. Das Ensemble tritt aus verschiedenen Positionen heraus in einen Dialog. So, wie wir im Alltag mitunter durch digitale Medien gleichzeitig in verschiedenen Realitäten agieren, wird es auch bei uns auf der Bühne sein. Wir erstellen live einen Film, es ist aber Theater, weil es im Theater stattfindet und theatrale Mechanismen nutzt. Vielleicht bilden wir manchmal auch eine Reizüberflutung ab. Das ist dann aber sozusagen werktreu, weil es die Realität mit theatralen Mitteln verdichtet und für die Zuschauenden erfahrbar macht. Es gibt aber auch sehr ruhige Szenen. Und dann wird es auch noch komisch. Die Reizüberflutung vermeiden wir durch eine zugewandte Dramaturgie.
Im Zusammenhang mit dem Schwinden der planetaren Ressourcen bezeichnen Sie Optimismus als einen „Mangel an Informationen“. Gleichzeitig schüren Sie in der Ankündigung der Inszenierung das Prinzip der Hoffnung. Kann der Pessimismus demnach auch die Rettung für uns sein?
Das ist ein Zitat von Heiner Müller.Die Ismen machen es einem ja immer schwer, aber ich glaube, Realismus kann die Gesellschaft vor den relavanten Problemen eines entfesselten Kapitalismus und der Klimakatastrophe retten.
Was halten Sie von der These, dass Zufriedenheit und Glück vermessene, weil egoistische Lebensziele sind, die vor allem auf Kosen anderer realisiert werden?
Ich vermute, dass unsere gesellschaftliche Ordnung vollkommen zurecht darauf ausgerichtet ist, dass möglichst viele Menschen zu Zufriedenheit und Glück gelangen können. Warum soll man ein Leben in Leid verbringen und auf ein Jenseits hoffen? Dass eigener Wohlstand oft auf Kosten anderer entstanden ist, lässt sich nicht leugnen. Es gibt jedoch Wege dazwischen, die beschreitet werden können.
Nach meiner Vorabreflektion müsste sich aus dem Plot eine Tragödie entwickeln, die von den Ausschweifungen einer hysterisch-lachenden Beerdigungsgesellschaft begleitet wird. Wie nahe liege ich am Skript?
Wir befinden uns noch in den Proben (Stand: 7.9.26). Das Team scheint jedoch davon überzeugt, dass wir komödiantischer werden als je zuvor.
„Man sollte Theater nicht mit Therapie verwechseln“
Kommen wir zurück zum Wasser – ein kostbares Gut. Die KI sagt, dass ein gesunder Mensch ohne diesen Quell drei bis sieben Tage überleben kann. Über allem schwebt das Drama mit ungewissem Ausgang. Wie viel Gleichnis steckt im kommenden Werk in Bezug auf den Überlebenskampf in der Freien Kunst- und Kulturszene?
Gedanklich beschäftigen wir uns während der Proben nicht mit dem Überlebenskampf in der freien Theaterszene Kölns. Das ist nicht intendiert. Inhaltlich gibt es da keine Schnittstellen.
Die Bewegung des Wassers, sein Klang, seine Farben wirken beruhigend, inspirierend. Hat die Arbeit am Stück für Sie auch etwas Heilsames oder ist diese Vorstellung romantischer Schmarrn?
Man sollte Theater nicht mit Therapie verwechseln. Theater kann für die Beteiligten sicherlich ein Echo-Raum sein, der gut tut, aber Heilsamkeit als Wort ist mir eine Spur zu groß. Wenn ich Heilung will, gehe ich zu meinem Hausarzt.
Sie stellen im Vorfeld eine Gleichung auf: „Menschlichkeit versus Verwertbarkeit = X“. Zu welchem Ergebnis kommen Sie da?
Das werden wir am Ende des Stückes den Zuschauern überlassen.
In diesem Jahr ist das Studio Trafique mit „Lost“ für den politischen Kurt-Hackenberg-Preis sowie mit „Wer hat meinen Vater umgebracht“ für den Kölner Theaterpreis und ebenfalls für den Kurt-Hackenberg-Preis nominiert. Besteht da die Gefahr, dass in der Öffentlichkeit ein falsches Bild von der wirtschaftlichen Substanz Ihrer oder anderer Spielstätten trotz Fördermittelkürzungen aufkommt?
Das glaube ich nicht. Es ist schön, wenn etwas gelingt, das solch eine Beachtung erhält. Das ist immer auch ein Kompliment. Die Entscheidungsträger:innen wissen, unter welch schweren Bedingungen wir produzieren.
„Wir sind Experten:innen darin, die Wirklichkeit zu spiegeln“
Das Studio Trafique versteht sich seit der Eröffnung als multimedial und hält Schritt mit den digitalen Entwicklungen der Zeit. Wie weit sind Sie in der Umsetzung einer alten Herausforderung, der Inklusion?
Seit einigen Jahren inszenieren wir mit Menschen, die mit Behinderungen oder Benachteilungen leben, innerhalb des Teams. Wir versuchen auch, Barrieren für die Zuschauenden abzubauen. Wir haben mit leichter Sprache gearbeitet, mit Audiodeskriptionen und Gebärdendolmetscher:innen. Man muss schauen, wieviel bei jedem Projekt umsetzbar ist. 2027 sollen auch unsere Toiletten behindertengerecht werden. Wir hatten in den letzten drei Jahren tolle Partner:innen durch Kooperationen mit dem Sommerblut Kulturfestival, die uns zu der Thematik viel beigebracht haben.
Die Wichtigkeit des Theaters als Abbild für alle Lebensbereiche, etwa der Bildung oder politischer Entwicklungen, wird stets betont. Was kann Theater nicht?
Antworten geben, aber die richtigen Fragen stellen. Wir können nicht für die Zuschauer:innen handlungswirskam werden. Wir sind Dilettanten der politischen Umgestaltung. Wir sind aber Experten:innen darin, die Wirklichkeit zu spiegeln.
This is Water | 1. (P.), 2., 3., 9., 11.10., 3., 4.11., 16., 17.12. | Studio Trafique | www.studio-trafique.de
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