Der Internationale Kiosk ist seit mehr als 15 Jahren Treffpunkt für die Nachbarschaft in Ehrenfeld. Doch seit Ende letzten Jahres droht dem Kiosk das Ende. Der Vermieter hat Azad Hawrami gekündigt und Räumungsklage eingereicht. Nach Monaten des Protests darf der Kiosk nun vorerst bleiben. Im Sommer 2027 wird vor Gericht über die Zukunft des Kiosks verhandelt. Hawrami erzählt, was diesen Ort für die Nachbarschaft besonders macht und was verloren gehen könnte, wenn er verschwindet.
choices: Azad, wie hat deine Geschichte mit dem Internationalen Kiosk angefangen?
Azad: Eine Freundin hatte damals diesen Kiosk. Am Anfang war es eigentlich ein Internetcafé. Die Leute kamen hierher, um ins Internet zu gehen. Aber irgendwann hatten alle selbst Internet und dann hat sich der Ort langsam verändert. Es entstand dieser Kiosk und daraus wurde ein Zentrum für Kultur, Nachbarschaft und Politik. Irgendwann habe ich angefangen Bücher von mir selbst, von Freunden und von Nachbarn hier im Laden zu haben. Dann kamen irgendwann CDs, Schallplatten, Bilder und andere Sachen dazu. Heute findet man hier alles Mögliche, viel Krimskrams. Und wir haben von Anfang an Konzerte gemacht. Viele interessante Musiker haben hier gespielt. Es gab auch immer wieder Kunstausstellungen, Theateraufführungen und Lesungen. So ist das alles mit der Zeit gewachsen.
Wenn ich heute an einem ganz normalen Abend ein paar Stunden mit dir hier verbringen würde, was würde ich erleben?
Erst einmal kommen ganz normale Kunden. Sie kaufen Getränke, Schokolade, Süßigkeiten, vor allem Zigaretten. Aber gleichzeitig kommen manchmal meine Freunde oder Nachbarn vorbei. Nette, verrückte Leute. Dann sitzen wir zusammen und quatschen über tausend Sachen, einfach über den Alltag. Manchmal sitzen Leute vor der Tür und trinken etwas. Manchmal bringen sie ihre Kinder mit, und die bekommen Süßigkeiten. Und manchmal kommt jemand ganz spontan und nimmt die Gitarre und spielt. Einfach so. Es ist ein bisschen wie ein offenes Wohnzimmer.
„Die Leute kommen nicht nur, um etwas zu kaufen“
Gibt es eine Begegnung aus den vielen Jahren, die für dich besonders zeigt, was dieser Ort für Menschen bedeutet?
Es gibt sehr viele. Ohne Ende. Eine Nachbarin ist zum Beispiel irgendwann eine Freundin geworden. Sie kam jahrelang in den Kiosk, hat immer das gleiche gekauft und hatte immer ihre politischen Sprüche. Sie hat gesagt: „Man muss nur rechnen können“, denn „CDU und CSU sind Säue“. Am Anfang habe ich gar nicht verstanden, warum sie das sagt. Später habe ich sie besser verstanden. Einmal war hier ein Konzert von meinem Freund Richard. Sie kam wie immer in den Kiosk, ging zum Kühlschrank und wollte ihre Mate und ihren Wodka holen. Richard hat sie angesprochen und sie hat dann wieder ihre Sprüche gesagt. Sie war plötzlich selbst ein kleiner Teil von dem Konzert. Man hat richtig gesehen, wie sie dabei gelacht hat. Sie war nicht mehr so böse. Ich glaube, das hat ihr sehr viel gegeben. Sie wurde gehört. Später ist sie leider gestorben. Wir haben danach hier im Kiosk einen Trauerabend für sie gemacht. Das ist auch der Kiosk. Die Leute kommen nicht nur, um etwas zu kaufen.
Was glaubst du, was dieser Ort der Nachbarschaft gibt?
Es gibt hier viel Solidarität. Das ist ein Ort, wo die Leute zusammenkommen und sich gegenseitig helfen. Viele Menschen aus der Nachbarschaft haben 15 Jahre lang im selben Haus oder gegenüber voneinander gewohnt und hatten vorher überhaupt keinen Kontakt. Dann wurden sie durch den Kiosk Freunde. Sie feiern hier ihre Geburtstage zusammen. Oder wenn jemand umzieht, helfen wir. Wenn jemand etwas braucht, wird einfach gefragt. Das ist super schön. Manchmal kommen Leute auch nur wegen einer Kleinigkeit. Zum Beispiel, wenn jemand zu Hause Schrauben braucht, kommt er hierher und fragt. Einmal haben Nachbarn aus der zweiten Etage drei Flaschen Bier und einen billigen Wodka gebraucht. Sie haben ein Seil heruntergelassen, und ich habe ihnen die Sachen nach oben gegeben. Später brauchten sie noch Zwiebeln. Ich hatte aber keine. Also habe ich bei den Nachbarn im ersten Stock gefragt. Die hatten welche und haben sie nach oben gegeben. Das sind kleine Sachen. Aber so funktioniert Nachbarschaft. Man hilft, wie man kann. Ein anderer Nachbar kommt zum Beispiel jeden Abend nach der Arbeit hierher. Er hat einmal zu mir gesagt: Wenn dieser Kiosk geschlossen wird, verliere ich mein zweites Zuhause. Das ist traurig. Ich glaube, der Kiosk ist für viele wie ein zweites Zuhause.
„Die letzten Monate waren sehr intensiv“
Vielleicht erklärt das auch, warum die Kündigung Ende letzten Jahres so viele Menschen getroffen hat. Wie hast du die vergangenen Monate erlebt?
Azad: Die letzten Monate waren sehr intensiv. Nicht nur meine Freunde und Nachbarn sind gekommen. Auch Jugendliche, ältere Menschen, verschiedene Leute, auch völlig Unbekannte. Sie kommen und zeigen ihre Solidarität. Dann haben wir angefangen, gemeinsam Sachen zu organisieren. Es ist einfach spontan ein Netzwerk entstanden. Einige haben zum Beispiel eine Demo organisiert, andere haben Flugblätter gemacht, andere schreiben Texte oder kontaktieren Journalistinnen und Journalisten. Es ist verrückt. Manchmal gibt mir das sehr viel Kraft. Gleichzeitig vergesse ich darüber manchmal meine eigenen Sachen. Es ist einfach viel geworden. Aber es ist auch eine schöne Zeit.
Was würde die Nachbarschaft verlieren, wenn der Kiosk tatsächlich verschwinden würde?
Azad: Dieser Ort ist zu einem Ort für die ganzen Nachbarn geworden. Sie treffen ihre Freunde, ihre Nachbarn, sitzen zusammen, reden, trinken etwas. Das ist über 15 Jahre gewachsen. Wir haben wegen der Kündigung alles versucht. Wenn dieser Kiosk geschlossen wird, verlieren wir einen Teil unseres kulturellen und sozialen Lebens. Wir sind hier zu einem Zentrum geworden. Freunde kommen, Freunde von Freunden, Nachbarn. Das ist echt unglaublich. Deswegen versuchen wir, diesen Ort zu retten. Vielleicht finden wir einen anderen Raum. Aber am Anfang wird es nicht so sein wie hier. Dieser Ort ist über viele Jahre entstanden. Die Menschen haben ihn gemeinsam zu dem gemacht, was er heute ist.
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