
choices: Frau Kohlrausch, nimmt die Armut in Deutschland zu?
Bettina Kohlrausch: Tatsächlich kann man das mit Blick auf den aktuellen WSI-Verteilungsbericht untermauern. Die Einkommensarmut in Deutschland steigt kontinuierlich, während der obere Rand der Einkommensverteilung stabil bleibt. Man gilt als arm, wenn man weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens hat und strengarm, wenn man weniger als 50 Prozent hat. Außerdem haben wir gesehen, dass die Einkommensgruppe, die direkt da drüber kommt, etwas kleiner geworden ist, während die oberen Einkommen stabil bleiben. Das bedeutet, dass Menschen in die Armut abgerutscht sind.
Eine Beispielrechnung: Zwei Paare, jeweils drei Kinder, die einen arbeiten, die anderen beziehen Bürgergeld. Was dem berufstätigen Paar mehr an Geld bleibt, sind 240 Euro monatlich …
Grundsätzlich haben Menschen, die arbeiten – selbst zum Mindestlohn – immer mehr Geld als jene im Bürgergeld. Aber es ist teilweise in bestimmten Konstellationen nicht so wahnsinnig viel. Gleichzeitig muss man aber noch mal daran erinnern, wie das Bürgergeld zustande kommt. Da werden Bedarfe sehr restriktiv festgelegt. Das ist das gesetzlich festgelegte Existenzminimum. Deshalb darf aber die Lösung nicht sein, mehr Motivation zu schaffen, indem man das Bürgergeld absenkt. Außerdem ist auch Armut anstrengend. Im Bürgergeld zu leben ist psychisch belastend. Dazu gibt es sehr viele Studien. Menschen ziehen viel Positives aus Erwerbsarbeit und soziale Anerkennung aus sozialem Austausch. Die meisten Leute wollen eigentlich arbeiten und nehmen teilweise auch wirklich schlechte Arbeitsbedingungen in Kauf. Lösungen wären Entlastungen: Bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie. Wir als Gesellschaft müssen überlegen, wie wir Infrastrukturen zur Verfügung stellen, zu denen alle Zugang haben. Also nicht nur das teure Auto, sondern ein guter öffentlicher Verkehr, eine verlässliche Kinderbetreuung, eine gute ärztliche Versorgung.
„Die Einkommensarmut steigt kontinuierlich“
In meinem Beispiel arbeitet der Mann für 3000, die Frau für 1500 Euro brutto. Das ist mehr als Mindestlohn. Trotzdem bleibt so wenig mehr übrig.
Unsere Standardberechnung legte einen Verdiener zugrunde und Mindestlohn, trotzdem war mehr übrig als mit Bürgergeld. Häufig wird aber vergessen, dass Menschen mit geringem Einkommen noch Anspruch auf zusätzliche Leistungen haben.Aber ja, bei diesem Beispiel entsteht Frustration.
Profitiert davon auch die AfD?
Deutschland ist ungleicher geworden und das Ergebnis ist eben auch, dass es eine ganze Menge von Menschen gibt, die sich entsichert fühlen und die Abwärtsmobilität erlebt haben. Das schafft Frust, den mobilisiert die AfD sehr erfolgreich – auch indem sie Ressentiments gegen Menschen mit Migrationsgeschichte oder Geflüchtete schürt. Ich glaube, dass die Parteien in der Mitte dem Ganzen aktuell wenig entgegensetzen können. Oder wenig entgegensetzen.Frust entlädt sich ganz oft, indem man schwache Gruppen gegen noch schwächere ausspielt.Aber die Ursache liegt in ökonomischen Faktoren. Natürlich sind wir nicht konkurrenzfähig mit China, aberwir waren noch nie konkurrenzfähig mit Ländern, die andere Sozialstandards haben. Man hatte das innovative Potenzial, trotzdem konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt zu sein. Dass wir das nicht mehr haben, ist auch ein Fehler von falschen Managemententscheidungen, die jetzt die Beschäftigten ausbaden sollen. Von einem Land mit einer guten sozialen Infrastruktur, mit einer guten Bildung, einem guten Gesundheitssystem, würden alle profitieren. Aber es ist schwer durchzusetzen und hat eben auch damit zu tun, dass wir in den aktuellen Debatten die eigentlichen Verteilungsfragen nicht wirklich adressieren.
„Frust entlädt sich ganz oft gegen schwächere Gruppen“
Sie haben kürzlich gesagt, es sei ein offenkundiges Versagen sozialstaatlicher Institutionen, wenn die Armut in einem eigentlich reichen Land steige. Was würden Sie dagegen zuerst tun, wenn Sie Sozialministerin wären?
Ich würde als erstes eine Kindergrundsicherung einführen und damit die Kinderarmut reduzieren. Das ist ein Konzept, bei dem man die verschiedenen sozialstaatlichen Instrumente, um Kinder zu schützen, grob zusammenfasst und den Kindern am Ende eine Grundsumme, die das Existenzminimum wirklich decken würde, zukommen lässt. Das wäre ein erster Schritt, um Kinderarmut abzuschaffen. Wir wissen aus der Forschung, dass die Kindheit eine sehr prägende Lebensphase ist. Kinder schämen sich, Freunde nach Hause einzuladen, sind schlecht in der Schule, häufiger krank. All das erhöht natürlich das Risiko, auch im späteren Leben arm zu sein.
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