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Ein Traumpaar: Reichtum und Ausbeutung
Foto: Heather/Adobe Stock

Ist die Welt erst ruiniert …

30. September 2026

Gut erzählt ist auch Ungerechtigkeit eine spannende Geschichte – Glosse

Hitzewellen, die sogar die Klimaanlagen-sind-übertrieben-Mentalität hiesiger Breitengradköpfe zum Nachdenken bringen und einen Blackrock-Kanzler erkennen lassen: Lebensgrundlagen, die sind ja auch ein Vermögenswert. Denn was nicht ist, das kann nicht ausgebeutet werden. Doch fürchten Sie sich nicht: Der Solutionismus kann mit Hilfe von Naturwissenschaft, Technologie, Algorithmen und Big Data nicht nur den Mars „terraformen“, auch die Erde kann er wieder zu einer erdähnlichen, bewohnbaren Umgebung machen.

Bis dahin könnte das Millionen bis Milliarden Menschen die Lebensgrundlagen und vielleicht gar das Leben selbst gekostet haben? Nun ja, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Er hat die Probleme, die er jetzt lösen will, erst geschaffen? Aber bitte, nicht immer so kritisch, bei all den Flutwellen durch menschengemachte Klimakatastrophen: Das Glas ist nun wirklich halbvoll.

Weniger Ballast, mehr Börsenwerte

Da liegt doch der Hund begraben: Dieses fürchterliche, (selbst-)kritische Denken, diese unfortschrittliche (Selbst-)Reflektion – seit Jahren predigen Politiker:innen und Wirtschaftsbosse, man möge bitte nur MINT-Fächer studieren und trotzdem kommen immer diese Pfeifen aus Geistes- und Sozialwissenschaft mit ihren „Bedenken“. Arrogante Schnösel, die auf Kassandra machen. Was haben die überhaupt geleistet? Kunst und Kultur, (Menschen-)Rechte, (demokratische) Staatstheorien – alles unfunktionaler Ballast, keine Börsenwerte.

Sie haben Kinder? MINT them, baby! Erinnern Sie sie einfach, mit Geisteswissenschaft fährt man maximal Taxi und das ist bald nicht mehr notwendig, Stichwort autonomes Fahren. Texte studieren und schreiben, dafür wurde doch die Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt. Und die Angst vor Jobverlust, ach was, die KI wird das Wachstum einfach noch rasanter befördern. Nicht 2, nicht 20, gleich 200 Prozent – Schauen Sie doch auf die Vermögensentwicklung der obersten 10 Prozent. Eben! Als ob die sich mit mickrigen 2 Prozent zufrieden gäben. Sie vielleicht, mit ihrem Bauspargedöns.

Ausbeutung geht immer

Wir brauchen Wachstum, Wachstum, Wachstum – das ist immer gut. Das kapitalistische Wirtschaftssystem, ausgeklüngelt von jenen Vermögenden, die davon profitieren, metastasiert über den Globus und was hat das nicht alles Gutes gebracht. Da konnte der Club of Rome 1972 Grenzen postulieren, wie er will, zur Not wird die Elite woanders weitermachen: Subtilem Sozialdarwinismus und moderner Eugenik sind keine Grenzen gesetzt, Elon Musk und Co. beuten erst die Welt aus, wie es ihren Geldbeuteln guttut.

Im Anschluss werden Raketen-Archen gebaut, die sie oder ihre Nachfahren von einem sterbenden Planeten hinfort befördern. Nach uns die Sintflut wortwörtlich genommen. Noah verfluchte seinen Sohn und dessen Nachfahren, weil der ihn sah, wie er war. Bibelfazit: Ein gerechter und frommer Mensch gegenüber der verdorbenen Menschheit. Elon Musk erklärt seine trans Tochter für tot, getötet vom „woke mind virus“. Die sieht ihn auch, wie er ist. Patriarchale Vorbilder wie sie im Buche stehen.

Kapitalismus ist immer postfaktisch

Sie sind schockiert, darauf darf es nicht zusteuern? Nun, das ist aber alternativlos. Von Angela Merkel als Begriff populär geprägt, weil sie Politik mit (einem sehr begrenzten Verständnis von) Naturwissenschaft gleichgesetzt hat. Da haben die Marketingstrategen der kommenden deutschen Volkspartei bei der Benennung ihres faschistoiden Sammelbeckens schon glorreich agiert. „Spin Doctors“ nennt man jene, die ihre Ideologien völlig unabhängig von Tatsachen und Komplexitäten verkaufen können. Das hehre Ideal bleibt dabei das System: Kapitalismus war schon immer postfaktisch. Kein Wunder, dass seine Auguren um AfD, Trump und Co. diese Klaviatur so perfekt bedienen können.

Trotzdem wirkt die turbokapitalistische AfD als Alternative für Arbeiter:innen. Unerklärlich, nachdem bis dahin die anderen Parteien ihre Vorstellungen von Ausbeutung als alternativlos bezeichneten. CDU und FDP sowieso, für die war Armut ja selbstverschuldete Unmündigkeit – und ein bisschen ekelig. Die SPD hat schon damals, 1959 in Bad Todes… äh, Godesberg alternative (Gesellschafts-)Visionen begraben und später mit Helmut Schmidt gleich zum Arzt geschickt. Sonst hätten sie es gegen die postfaktischen „Spin Doctors“ nie an die Regierung geschafft. Die Grünen sind eine Partei für Besserverdienende mit pseudolinken Feigenblättern, um sich moralisch nicht nur auf ökologischer Seite zu überhöhen. Das hohe Ross tritt immer nach unten.

Die Linke packt die Systemfrage ein, sonst keine Bündnisfähigkeit, keine Regierungsmacht: Grünisierung statt Proletarisierung. Der Druck des Spins, er ist zu stark. Vielleicht ist das die letzte Hoffnung, frei nach Werner Kroll: Ist die Welt erst ruiniert, da lebt es sich ganz ungeniert.

Paul Tschierske

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