

Die Politik verliert an Vertrauen – und damit auch die Menschen, für die sie gemacht werden sollte. Regelmäßigen Umfragen zufolge geben in Deutschland seit Sommer 2022 mehr als 60 Prozent der Befragten an, dass Sie den politischen Parteien eher nicht vertrauen. Die Ursachen für dieses Stimmungsbild können viele sein: Schlechte Regierungsarbeit, eine frustrierte Öffentlichkeit, geopolitische Belastungen, Klima- und Umweltkatastrophen, wirtschaftliche Unsicherheit oder eine zunehmend polarisierte Gesellschaft.
Vertrauen in Software
Das Vertrauensdefizit ist kein deutsches Phänomen. Spanien zeichnet ein ähnliches Bild der Unzufriedenheit. Dort bildete sich im Zuge der Eurokrise und gegen die Austeritätspolitik die 15M-Bewegung. Aus einem Gefühl mangelnder politischer Repräsentation und Partizipation wurde die Bürgerbeteiligungs-Software „Decidim“ geschaffen, eine digitale Infrastruktur für Bürgerversammlungen, Volksinitiativen und Abstimmungen mitsamt weiteren Komponenten wie Kommentaren, Vorschlägen und Änderungsanträgen. Ein technopolitisches Netzwerk für partizipative Demokratie, so nennt es die Community. Decidim ist eine direkte Antwort auf die Vertrauenskrise.
Der Verein heißt Metadezim. Die Mitglieder arbeiten an der Gestaltung der Plattform mit, wodurch neue Funktionen entwickelt und Fehler behoben werden können. Außerdem soll Transparenz darüber herrschen, ob ein Vorhaben tatsächlich umgesetzt wird. Auch Datensouveränität, also Privatsphäre, war ein zentrales Ziel.
Basishandeln
Anfangs beruhte Decidim auf der Software „Consul“ und wurde Anfang 2017 als modulares Projekt herausgearbeitet. Davor ließ der Stadtrat von Barcelona über zwei Monate hinweg rund 40.000 Bürgerinnen und Bürger über Ratsvorschläge und eigene Vorschläge diskutieren. Etwa 11.000 Ideen kamen zusammen, von denen ca. 8.000 angenommen wurden. Nach der Gründung der Decidim Association im Jahr 2019 übergab die Stadt Barcelona die Kontrolle an den Verein. Bis 2022 verbreitete sich das Konzept in 19 weiteren Ländern, 2023 gab Decidim an, dass rund 400 Städte, Regionen und zivilgesellschaftliche Organisationen die Software nutzen.
Werden Verwaltungsbeamte nach Funktionalität und Erfolgen gefragt, zeigt sich ein gemischtes Bild. Die Rolle von Decidim bei Entscheidungsfindungen liege primär darin, in der Transparentmachung der Vorgänge transparent zu machen und Vorschläge zu sammeln. Die Übertragung von Entscheidungsmacht an die Zivilgesellschaft sei gering. Das liege nicht nur an politischen Hürden, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern selbst. Es fehle an Selbstvertrauen und Willen, sich einzubringen. Die Software ist kein Garant für zivile Partizipation und technische Innovation löst das (Vertrauens-)problem nicht, solange es an Machtteilung fehlt.
Ein Anfang
Das Projekt dient dennoch als Vorbild. Decidim ist als transparenter und vielschichtiger Interessensausgleich ein Ansatz für mehr bürgerschaftliche Partizipation. Die Möglichkeit, politische und soziale Ziele zu diskutieren, sich zu vernetzen und eigene Interessen herauszuarbeiten, gibt den Menschen in der Vertrauenskrise einen Teil der Kontrolle zurück.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Wohnträume
Intro – Das große Versagen
Von Vorwand zu Vorwand
Teil 1: Leitartikel – Politik ist nicht getrieben, sie lässt sich einspannen
„Für die Parteien steht viel auf dem Spiel“
Teil 1: Interview – Politologin Dorothée de Nève über Identität und Konsens in der Politik
Helfen statt Ausgrenzen
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Interkulturelle Zentrum in Köln-Nippes
Die Natur nimmt sich Zeit – die wir nicht haben
Teil 2: Leitartikel – Über Naturschutz, Wirtschaft und politische Kurzsichtigkeit
„Die Einschläge kommen näher“
Teil 2: Interview – Politologe Reinhard Loske über Naturschutz und wirtschaftliche Interessen
„Fellnasen“ im Wohnzimmer
Teil 2: Lokale Initiativen – Bochumerin hilft ehrenamtlich Fledermäusen
Die Demokratie endet mit einem Wimmern
Teil 3: Leitartikel – Politik muss begreifen: Die Bevölkerung ist systemrelevant
„Deutschland ist ungleicher geworden“
Teil 3: Interview – Soziologin Bettina Kohlrausch über Armut, Existenzängste und Sozialstaat
Entlastung ist nur ein Anfang
Teil 3: Lokale Initiativen – Kindertal-Vorsitzende Susanne Bossy über Kinderarmut in Wuppertal
Ist die Welt erst ruiniert …
Gut erzählt ist auch Ungerechtigkeit eine spannende Geschichte – Glosse
Meine fremde Wohnung
Niederlande als Vorreiter für gesundheitsfördernde Videospiele – Europa-Vorbild Niederlande
Den Banken widersprechen
Island und das Gemeinwohl – Europa-Vorbild Island
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Vertrauen durch Bildung
Was tatsächlich gegen Arbeitslosigkeit hilft – Europa-Vorbild Dänemark
Machtinteresse
In Österreich wählen bereits 16-Jährige – Europa-Vorbild: Österreich
Sensibel verzahnte Reformen
Wie Portugal Maßstäbe bei der Bekämpfung von Gewalt an Frauen setzt – Europa-Vorbild: Portugal
Klimaschutz als Bürgerrecht
Norwegen stärkt Engagement für Klimaschutz – Europa-Vorbild: Norwegen
Keine Politik ohne Bürger
Wie Belgien den Populismus mit Bürgerräten und Dialogforen kontert – Europa-Vorbild: Belgien
Der Staat will zuhören
Wandel im niederländischen Sozialsystem – Europa-Vorbild: Niederlande
Kinder verkünden Frieden
Das Projekt „Education for a Culture of Peace“ – Europa-Vorbild: Zypern
Die Kunstinitiative OFF-Biennale
Wer hat Angst vor Kunst? – Europa-Vorbild: Ungarn
Nicht mit Rechten reden
Der „cordon sanitaire médiatique“ gibt rechten Parteien keine Bühne – Europa-Vorbild Wallonien
Stoppzeichen für Rassismus
Die Bewegung SOS Racisme – Europa-Vorbild: Frankreich
Vielfalt in den Feldern
Belohnungen für mehr Biodiversität in der Landwirtschaft – Europa-Vorbild: Österreich